Wenn Corona will, steht (fast) alles still, Update 62 vom 16.05.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

„Opa, fällt der Landkreislauf in diesem Jahr auch aus?“ Das waren die Worte meines Enkelsohnes im März kurz nach dem Shutdown am Anfang der Coronakrise. Diese Frage hat mich nachhaltig berührt. Die Erinnerungen an den Landkreislauf 2019 stiegen in mir hoch. 2019 war ich auf der kurzen Etappe von Neunkirchen nach Heuchling mit meinem Enkelsohn unterwegs. Mit seinen 6 Jahren war er der zweitjüngste Teilnehmer. Auf dieser Etappe sind viele Kinder aus unserer Mannschaft gelaufen und fast bei jedem war ein Erwachsener als Begleitperson dabei.

Im Vorfeld habe ich mir überlegt, wie ich meinen Enkel motivieren kann ohne ihn zu überanstrengen. Wie kann er mitlaufen, dass er das Gefühl bekommt, es hat mir Spaß gemacht und ich bin auch mit dem Ergebnis zufrieden. Seit etlichen Jahren trainieren wir (es gibt dafür ein Team) Kinder für den Landkreislauf. Wir versuchen sie langsam aufzubauen und an eine längere Strecke zu gewöhnen. Manche Kinder freuen sich darüber, andere spüren, dass es ihnen doch nicht viel Spaß macht. Wie bekommen wir das als Vorbereitungsteam heraus?

Ich denke da an eine besondere Bibelstelle aus dem Galaterbrief. Paulus verwendet den Begriff „Zuchtmeister“ im Zusammenhang von Gesetz und Evangelium. Diese Bezeichnung vom „Zuchtmeister“ und ihre Übertragung auf Lehrende hat leider eine unrühmliche Geschichte. Ich habe das selbst in meiner 1. Klasse 1964 – 1965 noch erlebt. Der Lehrer hat mit der Hand und mit dem Stecken auf die Finger geschlagen um Kindern Wissen „einzutrichtern“. Ich sehe noch heute das Bild vor mir, wie ein Klassenkamerad bei einer Schreibarbeit etwas über den Rand hinausgeschrieben hat. Der Lehrer nahm den Stecken und schlug auf seine Finger. Rückwärts ist der 6-jährige Schüler brüllend durch das Klassenzimmer gelaufen. Er war natürlich ohne Chance gegen die Schläge. Seine Schreie klingen mir noch heute ins Ohr.

In Gesprächen mit Menschen zum Thema „Erziehung“ kommt es immer wieder zu Zitaten aus der Bibel. Dabei wird mir erzählt, dass selbst in der Bibel Schläge sein dürfen. Offenbar gilt das vor allem auch bei christlichen Sekten als Erziehungsmittel. Bei näherem Hinschauen erkenne ich, dass in der Bibel im griechischen Urtext das Wort „Pädagoge“ steht. Der Zuchtmeister ist der „Pädagoge“. Er ist ein Mensch, der sich um eine kindgerechte Erziehung kümmert. Er führt Menschen zu einem Lernziel und vermittelt Bildung. Das ist etwas ganz anderes als das, was mit der Lutherübersetzung von „Zuchtmeister“ oder „züchtigen“ bei Menschen vermittelt wird. Da ist die Bibel offenbart von preußischer Disziplin überlagert. Und diese hat nichts mit biblischen Aussagen zu tun.

Am Ende des Landkreislaufes vor einem Jahr hatte ich das Gefühl, eine gute Dosis an Selbstbewusstsein und Freude an meinem Enkelkind weitergegeben zu haben. Nicht nur er war sehr stolz über seine sehr gute Leistung, sondern auch sein Opa war das. Schade, dass  heute am 16.05.2020 der geplante Landkreislauf 2020 nicht stattfinden kann.

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