Archiv der Kategorie: Allgemein

Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 192 vom 23.09.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Vergiss den Sommer nicht

Ich weiß nicht, was Sie für ein Typ sind. Ich jedenfalls liebe den Frühling und den Sommer. Ich bin immer traurig, wenn die Tage kürzer sind als die Nächte. 1980 wurde die Sommerzeit eingeführt und ich war darüber begeistert. Ich erinnere mich an meine Kinder- und Jugendzeit. Wenn wir dann am Abend noch Fußball gespielt haben, dann wurde es selbst von Mitte Juni bis Mitte Juli schon gegen 21.00 Uhr dunkel. Im August haben wir dann immer mit einem weißen Ball gespielt und zwar solange bis nur noch dieser Ball zu sehen war.

Seit Einführung der Sommerzeit vor genau 40 Jahren genieße ich es, bis 22.00 Uhr die Sonnenstrahlen zu sehen. Wenn ich am Baggersee in Happurg noch so spät schwimmen kann, schwimme ich dem Sonnenuntergang „entgegen“ und freue mich daran. Die zweimalige Zeitumstellungen machen mir da nichts aus. Die verkrafte ich gut und nehme sie mir für diese „Abenderlebnisse“ gerne auf mich. Vor einigen Jahren wurde entschieden, dass die Umstellung auf die MEZ (Mitteleuropäische Zeit) um vier Wochen verschoben wird. Deshalb beginnt sie erst am letzten Sonntag im Oktober. Das finde ich persönlich klasse. So kann ich auch den Oktober noch relativ „hell“ genießen.

„Vergiss den Sommer nicht“. Ja, den will ich nicht vergessen. In langen Winternächten denke ich daran, auch wenn ich nicht Frederic heiße und ich auch keine Maus bin. In der Bibel wird der Sommer im Lukasevangelium als Bild für das nahekommende Gottesreich hergenommen. „Sehet an den Feigenbaum und alle Bäume: wenn sie jetzt ausschlagen, so sehet ihr es an ihnen und merkt, dass jetzt der Sommer nahe ist. Also auch ihr: wenn ihr dies alles seht angehen, so wisset, dass das Reich Gottes nahe ist“ (Lk 21, 30 – 31). Für mich eine sehr schöne Vorstellung. Wenn das Reich Gottes sichtbar ist, dann ist Sommer nicht nur in meinem Herzen, sondern für das ganze Universum.

Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 191 vom 22.09.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Gericht und Erbarmen Gottes

Hoffentlich haben sie vor drei Tagen das Update 188 gelesen. Ich habe davon gesprochen, warum sich die Menschen in Deutschland um den Jahreswechsel einen „Guten Rutsch“ wünschen und dass dies nichts mit „Rutschen“ o. ä. zu tun hat. Es stammt von dem jiddischen Neujahrsgruß „Rusch tob“. Die Juden in Deutschland wünschten sich damit einen „guten Anfang“ des neuen Jahres.

Weil die Juden nach dem Mondkalender gehen und nicht wie wir nach dem Sonnenkalender, ist ihr Neujahrstag nicht wie bei uns am 01.01. jeden Jahres. Er liegt in der Regel um den Herbstanfang. In diesem Jahr feierten sie diesen vom 19.09. auf den 20.09.2020. Für Juden beginnt der Tag am Abend gegen 18.00 Uhr und endet 24 Stunden später. Für sie ist der Neujahrstag vor allem der Jahrestag der Weltschöpfung durch Gott und damit auch der Jahrestag der Erschaffung von Adam. Es ist der Tag der Forderung, Bilanz zu ziehen über das moralische und religiöse Verhalten im abgelaufenen Jahr. Die Menschen treten mit Gebeten für eine gute Zukunft vor Gott. An diesem Tag beginnen die zehn „ehrfurchtsvollen Tage“, die mit dem Versöhnungsfest Jom Kippur enden. Weil dadurch an das Erbarmen Gottes erinnert wird, ist dieser Tag ein Freudentag. Um das auch hörbar zu machen, wird das sog. Schofar geblasen (siehe mein Update 50 v. 04.05.2020).

Ich finde diese Verbindung von „Gericht und Erbarmen Gottes“ mit der „Freude über Gottes Schaffen und Vergebung“ genial. Martin Luther hat von „Gericht und Gnade“ gesprochen. Und wenn nicht als zu Beginn eines Jahres kann das sehr deutlich werden. Dazu passt sehr gut auch der dazugehörige Segensspruch: „Ihr möget zu einem guten Jahr eingeschrieben werden“. Und das nehme ich in diesem Coronajahr noch mehr an als in sonstigen Jahren.

Wenn Corona will, steht (noch) manches still. Update 190 vom 20.09.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Alles liegen und stehen lassen

Da sitzt er in seinem Häuschen und wartet darauf, dass einer nach dem anderen vorübergeht. Meist sind die Gespräche mit den Menschen für ihn nicht sehr angenehm. Die ankommenden Kaufleute und Bauern sind wütend und schreien ihn an. „Du bist ein Halsabschneider“ ist noch ein freundlicher Ausdruck. „Du bist ein Dieb, ein Betrüger. Du willst nur Geld scheffeln und uns betrügen“. Solche Worte sind schon heftiger. Aber er hat sich daran gewöhnt. Was ihn wirklich ärgert ist, dass er als „Kollaborateur zu den Römern“ hingestellt wird. Dabei macht er nur seinen „Job“. Er versucht diesen gut zu machen und nach bestem Gewissen zu handeln. Gut. Manchmal fällt das schwer. Er will natürlich auch Geld verdienen und gut leben. Er muss dafür Kompromisse eingehen. Denn als Zöllner arbeitet er zusammen mit den Römern, die das Land seit vielen Jahren besetzt halten. Aber jeder versucht halt, irgendwie gut durch das Leben zu kommen.

Fast schon teilnahmslos im Alltagstrott geht dieser Tag so dahin. Er blickt auf und sieht von weitem einen Mann, der ihn mit klaren Augen ansieht. Dessen Blicke bleiben bei seinen Augen hängen. Der Mann geht langsam auf ihn zu und spricht ihn mit einer freundlichen, aber klaren Stimme direkt an: „Folge mir“! Er ist verdutzt. Er weiß gar nicht genau, warum? Aber er lässt alles stehen und liegen, verlässt sein Zollhaus und folgt diesem Mann nach. Keine langen Überlegungen, keine Fragen. Kein: Wie geht das jetzt weiter? Was werden die Leute sagen? Wer kümmert sich um die nach Jerusalem Hereinkommenden? Wie werden die Römer reagieren? Er steht einfach auf und folgt diesem Rabbi nach. „Und er stand auf und folgte ihm“. So steht es im Matthäusevangelium im 9. Kapitel, Vers 9. Klar und deutlich war der Ruf zur Nachfolge von Jesus an den Zöllner Matthäus.

Ein Beispiel dafür, wie Menschen erkennen, wer Jesus ist. Manchmal braucht es dazu eben keine langen Erläuterungen, kein Für und Wider, keine Erklärungen und Begründungen. Einfach so! Jesus nachfolgen – das genügt erstmals. Daran denke ich heute, am Gedenktag des Matthäus. Er ist ein Beispiel dafür, wie Menschen alles liegen und stehen lassen können, wenn sie den Ruf von Matthäus hören.

Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 189 vom 20.09.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Die Sorge wie einen Ball wegwerfen

Es war im Mai 1974. Mit dem Kleinbus fahren etliche Schüler der Oskar-von-Miller-Realschule Rothenburg nach Bad Windsheim. Es ist ein mittelfränkisches Fußballturnier von Realschulen angesetzt. Weil der etatmäßige Torwart verletzt war, durfte (musste) ich als Reservetorwart diese Position einnehmen. Ich war gefühlsmäßig von Stolz und Sorge und Angst hin – und hergerissen. Einmal in der Schulmannschaft zu stehen! Was für eine Auszeichnung! Und wenn ich dann Fehler mache? Wenn ich ein Tor verschulde? Der Torwart ist ja in einer „blöden“ Situation. Ein einziger Fehler kann ein Spiel entscheiden. Ein Feldspieler dagegen kann sich viele Fehler erlauben ohne dass ein Gegentor fallen muss.

Und dann ging es auch richtig los. „Wirf mir den Ball zu“. „Nein, wirf ihn mir zu“. „Warum hast du ihn nicht mir gegeben?“. Immer wieder gab es diesen Ruf bei diesem Turnier. Ich war der einzige Spieler, der nicht in einer Jugendmannschaft in einem Verein regelmäßig gespielt hat. Ich hatte aber (habe ich diese immer noch??) relativ gute Reflexe und war mir nicht zu schade, mich auch mal ins Getümmel zu werfen. Als Feldspieler fühlte ich mich viel sicherer. Heute im Alter spiele ich dann lieber im Tor, wenn ich mit Jüngeren spiele, weil meine Schnelligkeit natürlich nachgelassen hat.

Aber ich denke fast jedes Mal an dieses besondere Turnier in meinem Leben, wenn ich eine bestimmte Bibelstelle lese. „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch„. (1. Petrusbrief 5, 7). Es ist der Wochenspruch für die kommende Woche. Tatsächlich steht im griechischen Text das Wort „ballein“. Es bedeutet „wegwerfen“ und von ihm ist das deutsche Wort „Ball“ abgeleitet. Mit der Sorge kann ich wie mit einem Ball umgehen. Ich soll diese „wegwerfen“. Vermutlich geht das aber nicht so einfach.

Das Thema „Loslassen“ ist grundsätzlich schwierig (siehe Update 22 vom 06.04.2020). Was einmal in meinem Herzen ist und was mich berührt, hat einen Platz in mir. Es ist schwierig, das dann so loszulassen, dass es mich nicht mehr beeinflusst. Mir hilft es, wenn ich das Umfeld (den sog. Kontext) des Bibelverses anschaue. Vorher in V. 6 heißt es: „So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit“. Im nachfolgenden Vers 8 lese ich: „Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge“. Beide Verse zeigen auf, dass die Sorge im Zusammenhang von sichtbarer und unsichtbarer Welt gesehen werden muss. Über das, was vor Augen zu sehen ist, kann die Sorge mein Denken und Handeln in dieser Welt beherrschen und ich bin unfähig zum Handeln und zum Leben in Beziehungen. Die Sorge umkreist mich und lähmt mich.

Das Bild des brüllenden Löwen erinnert mich daran, dass dieses Tier einen Laut ausstoßen kann mit ca. 140 Dezibel. Er ist damit kilometerweit zu hören. So kann es mit der Sorge auch sein. Sie nimmt mich so gefangen, dass ich die Freiheit der Kinder Gottes nicht mehr leben kann. Da gibt der Apostel einen Zielpunkt vor. Dieser heißt: Schau darauf, dass Gottes Hand größer und gewaltiger ist als alle Mächte der Finsternis. Der Journalist Peter Hahne hat einmal gesagt: „Mitten in der Sorge des Alltags darf ich in der Fürsorge Gottes leben“.

Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 188 bom 19.09.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Einen „Guten Rusch“

Für mich ist es immer interessant, zwischen Weihnachten und Neujahr andere Menschen zu treffen. Es ist der Jahresabschnitt, der „zwischen den Jahren“ genannt wird. Dieser Ausdruck ist mir nicht ganz verständlich. Denn wie können Tage „zwischen“ den Jahren sein. Es sind die Tage am Ende eines Jahres. Wenn ich Menschen in der Zeit begegne, dann wünschen sie mir einen „guten Rutsch“.

Irgendwann vor vielen Jahren habe ich damit angefangen zurückzufragen. „Was wünschen sie mir da? Ich kann es nicht verstehen“. Die Antworten faszinieren mich. „Ich weiß es auch nicht so genau, aber das wünscht man sich doch“, „Na halt, dass sie gut hinüberrutschen in das neue Jahr“, „Sie sollen bei Glatteis gut rutschen und keinen Unfall bauen“, „Ich wünsche Ihnen, dass sie gut beim Schifahren jetzt rutschen können“. Das sind interessante und für mich auch humorvolle Erklärungen. Ich hake nach: „Ich möchte gerne wissen, was sie genau meinen. Ich habe den Eindruck, dass sie es selbst nicht so genau wissen“. In der Regel bestätigt mir das mein Gesprächspartner. „Wissen sie es denn?“. „Ja, ich kann es ihnen erklären. Möchten Sie es hören?“ Bis jetzt gab es noch niemanden, der sich dem verweigert hat. Und dann setze ich an. „Ja, wissen Sie. Das hat mit der Bibel zu tun. Das kommt vom hebräischen Wort „Rosch“. Das bedeutet so viel wie „Kopf, Beginn, Anfang“. Und das Wort „gut“ kommt vom hebräischen Wort „Tob“. Es bedeutet „gut“. Die Juden in Deutschland haben Jiddisch gesprochen. Das ist eine Mischung aus hebräisch und deutsch. Aus „Rosch tob“ (Adjektive werden im Hebräischen nach hinten gestellt) wurde im Jiddischen „Rusch tob“. Man wünschte sich als einen „guten Rusch“. Und daraus wurde im Laufe der Jahre eben der Wunsch nach einen „guten Rutsch“.

Der Wunsch nach einem „guten Rutsch“ ist der Wunsch nach einem „guten Anfang, guten Beginn“ des neuen Jahres. Interessant ist für mich die Reaktion vieler Leute nach einem Jahr. Die einen rufen mir tatsächlich zu: „Herr Metzger, ich wünsche ihnen einen guten Rusch“ und ich erkenne ein Lächeln bei ihnen. Die anderen gehen mir „zwischen den Jahren“ lieber aus dem Weg. Zu viel Belehrung vom Pfarrer ist vielleicht doch nicht so gesund. Jedenfalls wünsche ich Ihnen jetzt einen „Guten Rusch“. Warum? Das erfahren sie dann in drei Tagen beim Lesen des Updates.

Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 187 vom 18.09.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Ich zähle täglich meine Sorgen – muss das wirklich sein?

Ich war etwa 7 Jahre alt. Deshalb muss es in den Ferien gewesen sein. Ich sitze in der Küche und schaue meiner Mutter beim Kochen zu. Sie hat in der Regel den Süddeutschen Rundfunk gehört. Da gab es diese interessante Sendung, dass Menschen Karten schreiben konnten und dann wurden sie angerufen. Manche haben damit auch Bekannte überrascht. Der Angerufene konnte sich dann ein Lied wünschen.

Eines Tages wurde das Lied „Ich zähle täglich meine Sorgen“ von Peter Alexander gespielt, das er 1960 in den gleichnamigen Film zum ersten Mal gesungen hat. Dort heißt es: „Sorge Nummer eins in meinem Leben. Das ist die Sorge, dass du von mir gehst. Und Sorge Nummer zwei ist, dass es bald nen andern gibt. Den besser du verstehst und der dich liebt. Sorge Nummer drei, das ist die Frage. Wie halt ich dich und wie gefall ich dir. Und wenn du wirklich bleibst ja, was erwartest du von mir. Ja, das ist meine Sorge Nummer vier. Ich zähle täglich meine Sorgen, denn ich sorg mich sehr. Wenn ich denk du liebst mich nicht, lieb ich dich umso mehr. Ich zähle täglich meine Sorgen, und lieb dich wie zuvor. Wenn ich nicht mehr zähle, weiß ich, dass ich dich verlor“.

Ich habe heute noch die Bemerkung meiner Mutter im Ohr: „Diese Sorgen würde ich auch gerne haben“. Über Filme, Themen, Texte und Geschmack der Lieder im deutschen Wirtschaftswunder der 60-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts lässt sich trefflich streiten. Aber der 7-jährige Gerhard hat damals eine Ahnung bekommen, dass er im Laufe des Lebens wohl noch mehr Sorgen bekommen wird, die nicht mit einem leichten Schlager zu bearbeiten sind. Tatsächlich hat er das dann erlebt.

Heute in dieser Coronakrisenzeit fällt mir diese Geschichte wieder ein. Mancher verweist auf die bekannte Bibelstelle aus dem Matthäusevangelium. Jesus sagt zu seinen Jüngern: „Darum sage ich euch. Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Sehet die Vögel unter dem Himmel an; sie säen nicht in die Scheunen, und euer himmlischer Vater ernährt sich doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?“ (Matthäus 6, 25 – 26).

Der Text ist herausfordernd. „Der redet sich wirklich einfach. Ihr Pfarrer bekommt doch auch Lohn. Soll ich jetzt faulenzen? Der Jesus redet hier doch völlig am Alltag vorbei“. Das sind nur ein paar Aussagen, die ich schon gehört habe. Aber wie hat das Jesus gemeint? Es gilt genau hinzuschauen. Einmal stellt er das „sich sorgen“ in den Zusammenhang des ganzen Lebens. Essen und Trinken sind Grundelemente des täglichen Lebens. Es gilt, diese bereit zu stellen. Daneben ist das Leben noch vielfältiger. Vögel, Himmel, Blumen, Gras, Feld – das nennt Jesus auch in diesem Kapitel. Und dann verweist er darauf, dass es gilt, einen besonderen Blick zu finden. „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat“ (Matthäus 6, 33 – 34). Jesus verweist darauf, dass ich bei meinen Sorgen den Blick zu Gott als meinen himmlischen Vater nicht verlieren soll. Vor allem auch: Ich lebe heute wieder mit ihm und vertraue darauf, dass er diese Heute in meinem Leben gestalten darf. Und dann darf ich auch diese Sorgen ihm geben auf eine ganz bestimmte Art und Weise. Aber davon dann übermorgen mehr.

Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 186 vom 17.09.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Maisernte

Es ist September. Relativ spät hat jetzt die Maisernte begonnen. Durch die Trockenheit im Frühjahr und im August hat es etwas gebraucht, dass die Maiskolben wachsen. Aber jetzt fahren die meist großen Traktoren und bringen den Mais vom Feld zu den Fahrsilos. In zwei Tagen kann ein Maisfeld von mehreren Hektargrößen abgeerntet sein. Vor 50 Jahren sah das noch anders aus. Glücklich war, wer ein starkes „Maisgebiss“ hatte. Es war rechts am Bulldog angehängt und man konnte immer „nur“ eine Reihe Mais ernten.

Ich war so um 15 Jahre alt, als ich mit unserem Eicher fast den gesamten Mais geerntet habe. Von früh bis spät ging es um das Maisfeld herum. Immer eine Reihe bis der Wagen voll war. Schon kam der andere Wagen und wurde angehängt. Der wichtigste Mann bei der Maisernte war und ist der, der am Fahrsilo zuständig ist. An ihm liegt es, wie der Mais eingearbeitet wird, damit die spätere Silage gut wird und viele Nährstoffe für die Tiere bringt. Der Bulldogfahrer auf dem Feld musste lernen, die Geschwindigkeit den Gegebenheiten anzupassen. Nicht zu langsam, aber auch nicht zu schnell,  damit die Maisstängel sich nicht in die Erntewalze „eindrehen“ und ein weiteres Fahren unmöglich machten.

Aber einmal hatte ich nicht aufgepasst. Ich bin zu schnell gefahren und die Walze „verstopfte“ sich. Nichts ging mehr. Ich habe angehalten und versucht, den Mais herauszuziehen. Es ist mir nicht gelungen. Nach einiger Zeit habe ich in etwa 200 m Entfernung unseren Nachbarn gesehen und ihn geholt. Mit vereinten Kräften haben wir es dann geschafft, alle Maisstängel herauszuziehen und ich konnte weiterfahren. Es war aber fast schon eine ganze Stunde vergangen. Ich blicke auf und sehe meinen Vater mit einem leeren Wagen herfahren. Er war verwundert, warum es nicht weiterging. Natürlich war er nicht erfreut über meinen Lapsus. Denn dieser hat das Ende der Ernte hinausgezögert. Aber auch das wurde noch geschafft. Und so habe ich die Hoffnung, dass auch die größte Krise ein Ende haben und ein Neuanfang möglich sein wird.

Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 185 vom 15.09.2020

Tägliche Gedanken in einer schwierigen Zeit, heute von Pfr. Dr. Christian Weitnauer

Verständnis und Toleranz sind gefragt

Liebe Leserin, lieber Leser! am 9. November 1989 antwortete Günter Schabowski vom SED-Politbüro auf die Frage, wann die neuen Ausreisebedingungen aus der DDR in Kraft träten: „…sofort, unverzüglich“. Das war so nicht geplant, aber es wurde tatsächlich wahr! Wie schön und erhebend, als Berlinerinnen und Berliner in der gleichen Nacht auf einmal ungehindert die Mauer passieren durften!

Wäre das schön, wenn ein neuer Schabowski auf die Frage: „Ab wann ist die Corona-Pandemie vorbei?“ antworten könnte: „Nach meiner Kenntnis sofort, unverzüglich.“ Die Ungeduld wächst. Zurück zum normalen Leben wollen wir. Ist doch alles gar nicht so schlimm. Das merken auch die Regierenden. Und der Druck auf die Polizei, doch eher wegzuschauen, wächst. Auf der anderen Seite Leute wie ich, die sich vom Alter und den Vorerkrankungen her als Risikopersonen betrachten. Und Nachrichten wie „Tönnies“ und „Göttingen“. Corona ist keine abgewirtschaftete DDR und deshalb nicht geeignet für neue „Schabowski-Effekte“. Corona ist eine Pest.
Und Corona diskriminiert. Corona zerreißt die Menschheit. Manche leben in gut regierten Ländern, andere in schlecht regierten, mit vielen Abstufungen dazwischen. Manche sind arm oder „bildungsfern“, manche haben die „Corona-Warn-App“ beinahe vom Beginn an auf ihrem brandneuen Smartphone und andere wissen nicht, was ein Smartphone ist. Und – und das erschüttert mich – wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass ein Mitmensch Bruder und Schwester, Nachbar, Freund, Kollege, Kumpel und sonstwas sein kann, aber auch eine Virensprüherin. Ein Gesundheitsrisiko. Oder ein ungemein verletzliches Wesen, das beinahe geschützt werden muss wie Luther auf der Wartburg.

Ich glaube, es ist jetzt viel Verständnis und Toleranz gefragt, Verständnis der älteren Risiko-Menschen für die vor Energie und Sehnsucht nach Gemeinschaftserlebnis berstenden Jüngeren und Verständnis der Jüngeren für die um ihre Gesundheit besorgten Älteren, die Omas und Opas – und es gibt auch Risiko-Menschen, die unter 60 sind! Es ist immer noch Blick in den armen Süden unserer Erde und Mitleid gefragt mit denen, die in einem Lockdown dort gar nicht überleben könnten, weil sie jeden Tag auf dem Markt einkaufen müssen. Und es ist Geduld gefragt, denn weiterhin gibt es keine spezifische Behandlung gegen COVID-19 und auch noch keine Impfung. Masken gibt es, Abstandsregeln und hygienisches Verhalten.

Vielleicht gehen wir aus der Corona-Krise heraus mit einem neuen Faible für Mund-Nasen-Masken. Vielleicht werden sie so etwas wie ein fesches Accessoire, mit Deko, Text, Smilies oder ähnlichem. Es wäre ein mitmensch- liches, menschenfreundliches, insofern christliches Symbol: „Jesus liebt dich – und ich auch, deshalb behalte ich meine Viren, Bakterien und ähnliche hässliche Tierchen für mich. Das ist gut für uns beide, nicht nur gegen Corona, sondern auch gegen Schnupfen und Grippe.“

Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 184 vom 14.09.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Jägerball

Bitte denkt daran, heute Nachmittag ist Spielstunde“. Unser Grundschullehrer, Dieter Weth, hätte mich daran nicht immer erinnern müssen. Alle zwei Wochen trafen wir uns mit ihm auf dem Sportplatz an einem Dienstag wie heute zu diesem besonderen Sportunterricht. Erst bei einem Treffen 1998 habe ich von ihm erfahren, dass die Gestaltung, Beschreibung und Auswertung dieses Sportunterrichtes zu seiner Prüfung zum zweiten Examen gehörte.

Ich weiß noch ganz genau, dass das Treffen immer mit einem bestimmten Ritual angefangen hat: dem Jägerball. Ich kannte das vorher nicht. Als Lehrer nahm er einen Ball, nahm die Position als Jäger ein und schickte alle Kinder auf das Feld. Er versuchte ein Kind zu treffen. Dieses angeschossene Kind kam dann ebenfalls zu den Jägern. Im Laufe des Spieles gab es also immer mehr Jäger und immer weniger Gejagte. Die Kunst war, dass die Jäger sich den Ball zugespielt haben und so schneller die Gejagten mit dem Ball getroffen haben. Am Schluss blieb noch ein Kind übrig. Dieses durfte dann als Jäger das neue Spiel eröffnen. Es war eine Ehre, zuletzt als Einziger übrig zu bleiben. Was mir damals als Kind aber schon aufgefallen war? Wenn nur noch so etwa 5 Kinder als Gejagte übrig geblieben sind, haben die Jäger in der Regel vereinbart, wem sie übrig lassen wollen. In der Regel blieb dann ein Kind übrig, das sonst nicht so auffällig war oder im Sport nicht Talente hatte. Die Jäger suchten also eine Art „soziale“ Komponente für ihre Auswahl. Weil ich relativ gut im Fußball und auch sonst im Sport war, konnte ich nie als „Übriggebliebener“ glänzen. „Jetzt schießen wir den Gerhard ab“. Irgendwann gab es diesen Ruf und das war für mich o.k.

Heute wäre es interessant für mich, ob dieses „Jägerball“ solche Gedanken eher zufällig in Habelsee hervorgebracht hat oder ob diese „soziale“ Komponente Absicht war. Immerhin ein Gedanke, der gerade in der Coronakrise verstärkt bedacht werden muss. Denn offenbar leiden die „Ärmeren“ in einer Gesellschaft jetzt mehr als die anderen.

Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 183 vom 14.09.2020

Bergfest

Schau doch mal, wie die vielen Tische heute gedeckt sind. Die feiern vermutlich irgendein Fest“. Meiner Frau fällt so etwas sofort auf. Bei mir geht das eher vorüber. Aber nach ihren Worten sehe ich auch die Veränderung. Der Speisesaal des Reha-Zentrums Usedom in Kölpinsee hat an diesem Abend ein anderes Gesicht. 2005 sind wir mit unserem kranken Sohn Simon auf der „Juni-Kur“. Neben den Pfingstferien kann ich mir noch einige Tage frei nehmen und insgesamt vier Wochen verbringen wir dort die Kur, damit Simon die bestmöglichste Unterstützung erhält. Irgendwann gegen 19.00 Uhr treten viele Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger in den Speisesaal. Sie setzen sich an die festlich geschmückten Tische und verbringen offenbar einen sehr schönen Abend miteinander. Natürlich haben wir am nächsten Tag nach dem Grund dieses Festes gefragt. „Wir feiern das Bergfest“ wart die Antwort. „Bergfest, habe ich noch nie hier gehört. Die höchste Erhebung hat hier doch gerade mal 58 m“ – war meine Antwort. „Das Bergfest feiern wir hier im Osten, wenn genau die Hälfte der Arbeitszeit im Jahr vorüber ist. Jetzt werden die Arbeitstage in diesem Jahr weniger“.

Ich war erstaunt über diese Erklärung. Gleichzeitig war ich überrascht, dass solch ein Fest wahrgenommen wird. Immerhin ein Grund, mit einer kleinen Feier das Miteinander im Kreis aller Mitarbeiter/-innen zu fördern. Heute ist für mich dieses Bergfest. „Wie lange hast du denn vor, diese Updates zu schreiben?“ wurde ich vor allem Ende Mai/Anfang Juni gefragt. Langsam aber sicher, begann damals die Arbeit wieder. Gottesdienste werden seither gefeiert, Besuche können wieder durchgeführt werden, kleine Gruppen treffen sich, ein Gemeindebrief ist fertiggestellt worden und der zweite in Vorbereitung. Alles läuft noch auf Sparflamme. Die Arbeit in der Kirchengemeinde ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Alle hoffen, dass irgendwann ein Normalzustand erreicht werden kann. Keiner weiß bis jetzt, wie und wann das gehen soll. Mit dem Virus müssen wir wohl künftig leben, so wie das auch mit anderen Viren der Fall ist. „Ich will genau ein Jahr meine Updates schreiben“ gebe ich zur Zeit zur Antwort.

Schaffe ich das, dann wird das Letzte am 15.03.2021 geschrieben. Dann feiere ich heute mit dem Update 183 das Bergfest. Damit habe ich die Hälfte erreicht. So ist heute das Ziel zu sehen. Jedenfalls geht die Wegstrecke jetzt hinunter so wie bei einer schönen Bergwanderung. Der Anstieg ist anstrengend, die Aussicht belohnt für alle Mühe, der Abstieg fällt leichter. Vielleicht ist das auch bei meinen Updates der Fall. Und hoffentlich werden sie auch noch künftig gelesen.