Archiv des Autors: Pfr. Gerhard Metzger

Wenn Corona will, steht (wieder) vieles still, Update 227 vom 28.10.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Die bittere Wurzel herausreißen

Vor etwa sieben Jahren ist mir das zum ersten Mal aufgefallen. Ich gehe durch unseren Garten vor dem Haus und entdecke auch im Herbst bestimmte Blüten. Auf dem ersten Blick sahen sie aus wie Löwenzahn. Ich habe ein wenig gestaunt, aber alles nicht so ernst genommen. Mit dem Rasenmäher drüber und weg war alles. Aber in den folgenden Jahren ist mir diese Blume immer mehr aufgefallen. Im letzten Jahr schließlich war sie über die gesamte Fläche verteilt. An einer Stelle wuchs nichts mehr anderes. Offenbar handelte es sich um Unkraut. Ich weiß natürlich, dass der Begriff „Unkraut“ diskussionswürdig ist. Viele sagen: Unkraut gibt es gar nicht. Es gibt nur für mich nützliche und für mich unnützliche Kräuter. Es gibt Leute, die freuen sich an den Löwenzahn, weil man daraus einen schmackhaften Salat machen kann. Andere dagegen versuchen jeden einzelnen Löwenzahnhalm herauszustechen. Das gilt vor allem bei einem Rasen.

Bei dieser für mich neuartigen Blume aber war es so, dass teilweise überhaupt kein Gras mehr wuchs. Ich habe deshalb im letzten Jahr im Herbst einen Stecher hergenommen und jede einzelne Blume herausgezogen. Ich bin zu einem Nachbar gegangen und habe ihn gefragt, ob er dieses Kraut kennt. „Das ist ein Stachellatich“ meinte er. Ein komischer Name wie das Unkraut selbst. Ich habe etwa 20 Eimer zum Biomüllplatz am Friedhof getragen. Hinterher hatte ich ein richtig gutes Gefühl über diese getane Arbeit. Ich habe dann Grassamen ausgesät und war selbst überrascht, wie wenig von diesem „Unkraut“ 2020 gekommen ist. Jetzt weiß ich: Ich muss das jährlich machen und dann ist davon kaum etwas zu sehen.

Vor allem habe ich mich erinnert an eine bestimmte Bibelstelle aus dem Hebräerbrief: „…und seht darauf, dass nicht jemand Gottes Gnade versäume; dass nicht etwa eine bittere Wurzel aufwachse und Unfrieden anrichte und viele durch sie unrein werden“ (Hebr. 12, 15). Wenn ich darauf schaue, welch eine Wurzel dieser Stachellatich hat, dann kann ich gut diese Bibelstelle nachempfinden. Nach außen ziemlich klein, aber im Boden stark verankert. Da ist es nötig, tief in den Boden hineinzukommen um eine Veränderung zu erreichen und das Unkraut herauszubringen. Kein Wunder, dass die Bibel dieses Bild hernimmt, wenn es um Gnade und Friede geht. Das habe ich oft genug erlebt. Unfrieden ist wie solch eine bittere Wurzel. Er geht so tief, dass das Miteinander kaum mehr möglich ist. Beziehungen werden wacklig oder ganz zerstört, wenn die Wurzel allen Übels nicht vollständig herausgerissen wird.

Wenn ich jetzt über die Coronapandemie nachdenke, dann merke ich, dass sie genügend „Unkraut“ in der Gesellschaft gezeigt hat. So schlimm der Lockdown war, plötzlich war der Himmel wieder blau. Die Natur und vor allem auch die Flüsse haben sich teilweise wieder erholt. Die Wirtschaft hat gesehen, wie sie von Arbeitsprozessen in fremden Ländern abhängig ist. Ich bin gespannt, ob und wie solche „bittere Wurzeln“ erkannt und herausgerissen werden. Das gilt auch in den Beziehungen der Menschen untereinander. Die Demonstrationen im August haben gezeigt, dass es offenbar damit nicht sehr weit her ist. Anders kann ich nicht verstehen, dass auf solchen Demos Menschen gefährdet werden, weil sich nicht an die Spielregeln gehalten wird.

Es ist für mich auch kein Wunder, dass in der Bibel mit dem Bild der Wurzel eindrücklich darauf hingewiesen wird, Gott nicht zu verlassen um anderen Göttern zu dienen. „Lasst ja nicht …einen Stamm unter euch sein, dessen Herz sich heute abwendet von dem HERRN, unserm Gott, dass jemand hingehe und diene den Göttern dieser Völker. Lasst unter euch nicht eine Wurzel aufwachsen, die da Gift und Wermut hervorbringt“ (5. Mose 29, 17):

Wenn Corona will, steht (wieder) vieles still, Update 226 vom 27.10.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Vorausplanen und vorausschauen

Es ist der 2. September dieses Jahres. Wieder fahre ich mit dem Fahrrad zum nahegelegenen Bäcker um meine Dinkelkernbrötchen zu holen. Im Verkaufsraum geht mein Blick auf die Tageszeitung mit den vier großen Buchstaben. Ich lese: „Die brutal ehrliche Coronabilanz von Jens Spahn. Friseure, Läden, Altenheime hätten wir nicht schließen müssen“. Unser Gesundheitsminister gibt nach fast einem halben Jahr ein Feedback mit dem Ergebnis, dass die Maßnahmen teilweise doch zu stark waren. Vor allem im wirtschaftlichen Bereich und im Besuchsbereich bei alten Menschen waren diese überzogen. Ob er das geahnt hat, dass er einmal selbst infiziert werden würde?

Ich denke zurück an viele Diskussionen mit Menschen, die das schon Wochen vorher behauptet haben. Und jetzt gibt es viele Menschen, die meinen, dass „sie recht hatten“. Im Nachhinein kann das natürlich immer gesagt werden. Auf der anderen Seite hätte es ja sein können, dass die politisch Verantwortlichen im März zu fahrlässig gehandelt hätten und wir viele Tote beklagen müssten. Es gibt auch Christen, die mir dann Zeilen aus der Bergpredigt zitieren. „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat“ (Matthäus 6, 33 – 349. Mancher versteht diese Worte so, dass Christen nicht planen und vorausschauen sollen. Gott sorgt für sie.

Wenn ich genauer hinschaue, entdecke ich, dass Jesus hier vor allem vom Geld spricht. Er nennt das „Schätze im Himmel, die von den Motten zerfressen werden“ (Matthäus 6, 19). Umgangssprachlich gibt es ja den schönen Spruch: „Das letzte Hemd hat keine Taschen“. Es geht also zuerst einmal darum, dass jeder erkennt, dass er von seinem Reichtum nichts mitnehmen kann und dieser anderen Menschen helfen soll. Zum anderen sollen Menschen „nach dem Reich Gottes trachten“. Die Beziehung zu Jesus steht an vorderster Stelle meines Lebens. Diese Liebe von Jesus zu mir kann nicht zerstört werden, auch nicht durch den Tod. Aber vorausplanen und vorausschauen, um anderen Menschen helfen zu können und um das Gemeinwohl zu schützen, ist durchaus ein biblischer Wert.

Und wenn der Gesundheitsminister feststellt, dass eher zu vorsichtig agiert wurde, ist mir das lieber als umgekehrt. Deshalb bin ich ganz gespannt, was die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten am kommenden Donnerstag für Maßnahmen beschließen werden. Es soll ja (leider) einen „Lockdown – Light“ geben (müssen).

Wenn Corona will, steht (wieder) vieles still, Update 225 vom 26.10.2020

Vom Sinn des Lebens

Vor mir liegt die Hersbrucker Zeitung vom 24.08.2020. Das war ein Montag. Und ich muss gestehen, dass ich am Montag zuerst immer den Sportteil lese. Dann wird dort das Sportgeschehen des gesamten Wochenendes zusammengefasst und meine Neugier befriedigt.

Dann staune ich. Auf der ersten Seite beim Sport gibt es gleich einen Kommentar von Hans Böller. Er ist überschrieben mit „Welchen Sinn hat das Leben?“. Ich bin immer wieder erstaunt, wie der Sport solche grundlegenden Fragen herstellt. Die Frage nach dem Sinn des Lebens berührt mich als Pfarrer und Christ natürlich besonders. Im Artikel bringt der Kommentator die Sinnfrage in den Zusammenhang, ob Fußball mit oder ohne Fans besser funktioniert. Hintergrund war die Geburt des Finalturnieres der Champions League. Manche Zeitgenossen waren davon begeistert. Das Finalturnier hat vielen offenbar gezeigt, dass es Zuschauer bei Fußballspielen gar nicht mehr braucht. Diese machen nur Ärger und stören. Auch das Alkoholproblem ist dann vom Tisch. Hans Böller fragt: „Gerät das richtige Leben nicht überall ins Hintertreffen gegen dem digitalen?

Das gilt jetzt ja auch bei Gottesdiensten und anderen Treffen im kirchlichen Umfeld. „Wir brauchen doch gar kein reales Treffen mehr“. „Es ist viel bequemer, vom Sessel aus über digitale Medien z.B. einen Gottesdienst verfolgen“. „Wir tun etwas für die Umwelt, wenn wir von zu Hause aus die Treffen machen und nicht irgendwo hinfahren müssen“. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass viel Heizungsstrom gespart wird, die Umwelt geschont, wenn keine realen Gottesdienste mehr stattfinden. Ich habe in dieser Coronapandemie viele solche und ähnliche Argumente gehört. „Selbst ohne Fußball wäre ein Leben möglich. Das allerdings würde zu den wirklich großen Fragen führen – zu denen, welchen Sinn das Leben dann noch hätte“. So endet der Kommentator seine Randnotiz.

Aha, denke ich mir. Es gibt doch noch etwas Größeres bei diesem Thema als die Frage nach Zuschauer bei Fußballspielen. Die Frage nach dem „Sinn des Lebens“ stellt sich ja immer auch in Krisenzeiten in besonderer Art und Weise. Denn dann steht die Frage im Raum: Was bleibt in meinem Leben? Wo finde ich Halt, wenn alles scheinbar wankt? Es gibt viele Antworten auf diese Frage. Und ich werde jetzt nicht in die Falle tappen und sagen: Der Sinn des Lebens ist einfach nur Jesus. Denn solch eine Antwort muss ja auch inhaltlich gefüllt sein. Ich bin natürlich froh darüber, dass ich diesen Satz selbst für mich nachvollziehen kann. Ich freue mich auch darüber, wenn jemand sein Leben danach ausrichtet. Ich denke aber schon, dass ich als Mensch hier auf dieser Erde Dinge tun kann, die meinem Leben Sinn geben und über die sich Jesus freut. Das kann ganz unterschiedliche sein. Mancher macht auch mehr alleine, andere suchen ständig die Gemeinschaft. Wichtig ist, dass es sich hinterher gut und richtig anfühlt. Für mich ist noch wichtig, dass ich beim anderen anerkenne, was er als Sinn des Lebens findet. Und wenn das mit Jesus zu tun hat – umso besser!!

Wenn Corona will, steht (wieder) vieles still, Update 224 vom 25.10.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Sechs Balken – zwei Tore

Von meiner Grundschulzeit habe ich schon ein paar Mal geschrieben. In der zweiten Klasse wurde in mir mein Interesse für Fußball geweckt. Unser Grundschullehrer, Dieter Weth, war ein begnadeter Sportler und Pädagoge. Das Fußballfeld des Dorfes lag etwa 500 m von der Schule entfernt. Wenn das Wetter schön war sind wir alle vom Schulgebäude zum Sportplatz gerannt. Ein zusätzliches Aufwärmtraining war so nicht nötig.

Es gab aber ein kleines Problem. Die Fußballtore waren 1966 n einem erbärmlichen Zustand. Ein Tor war ganz zerstört. Für die vielen Kinder im Dorf war das eine echte Lebenskrise, dass die Fußballtore nicht benutzt werden konnten. Genauer müsste ich sagen: Für die Jungs war es eine Lebenskrise. Denn die Mädchen haben fast alle eher Völkerball gespielt. Wir Jungs haben uns teilweise damit beholfen, dass wird Kleidungsstücke als Tore benutzt haben. Aber die Frage, ob ein Schuss für einen Torwart nicht zu hoch war, musste ohne einen Querbalken oft genug nach längerer Diskussion geklärt werden.

Schließlich ergriff Dieter Weth die Initiative. „Fragt doch mal bei euch zu Hause nach. Vielleicht gibt es irgendwo sechs Balken, die wir bekommen um die Tore zu zimmern“. Die Worte des Lehrers fielen bei mir gleich auf fruchtbaren Boden. Ich wusste, dass mein Vater seit 1960 praktisch jedes Jahr irgendetwas gebaut hat. Deshalb wurden etliche Festmeter Holz im Wald umgesägt und viele Balken waren noch gelagert. Tatsächlich. Mein Vater meinte: „Die können wir gerne weggeben“. So wurden sechs Balken von unserem Hof geholt und die Jungs fertigten mit dem Lehrer zwei Tore, die viele Jahre lang standen und ihren Dienst taten. Wenn ich an die jetzige Coronakrise denken, fällt mir dazu ein: Wie schön wäre es, wenn diese gegenwärtige Krise auch so unkompliziert zu lösen wäre.

Wenn Corona will, steht (vieles) wieder still, Update 223 vom 24.10.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Die Sekunde der Bewahrung

Heute ist ein Samstag. In meiner Kindheit so ab ca. acht Jahren war dies oft ein besonderer Tag. Ich wurde zum sog. „Getreide schroten“ eingeteilt. Besonders in den Herbst- und Wintermonaten habe ich damit früh begonnen und nach dem Mittagessen noch bis zum Nachmittag weitergemacht. Es war eine klassische Steinmühle. Einen Sack Schrot zu mahlen dauerte knappe 10 Minuten. Wenn dieser voll war, wurde er auf die Seite gestellt und ein leerer Sack kam schnell unter den Schrotauslauf der Mühle. Drei Schrotsäcke passten auf die Rampe. Dann wurde die Mühle ausgeschaltet und der Schrot kam in die bestimmten Behältnisse.

Irgendwann habe ich mir angewöhnt, während des Schrotens den Sportteil der Zeitung (Fränkische Landeszeitung als Regionalteil der Nürnberger Nachrichten) herzuholen und darin zu lesen. Das hatte für mein Leben drei Folgen: Ich habe so viele Artikel von bekannten Sportjournalisten gelesen. Mein Interesse für Sport aller Art wurde geweckt. Und schließlich entdeckte ich meine Vorliebe für Statistiken. Jede abgedruckte Tabelle wurde gelesen und im Kopf statistisch ausgewertet. Später kam mir das im Leistungskurs Mathematik im Gymnasium zugute. Denn diese statistischen Formeln wurden im Fach Stochastik vertieft.

Aber diese Arbeit an der Schrotmühle hatte auch Gefahren. Die Mahlsteine mussten im Ruhezustand sein, wenn ich mit der Hand den Restschrot herausgeholt habe. Und eines Tages war ich nicht aufmerksam genug. Hatte ich andere Gedanken im Kopf? Ging es mir nicht gut? Jedenfalls bin ich zu früh mit der Hand in den Schrotauslauf gekommen. Gott sei Dank war es die letzte Drehung der Steine! Ich spürte einen tiefen Schmerz am Daumen der linken Hand. Und genau in diesem Moment stoppten die Mahlsteine. Es gab eine tiefe Wunde. Es ging nur um eine einzige Sekunde! Diese Sekunde früher hätte bewirkt, dass mein linker Daumen wohl abgehackt worden wäre. „Ein Daumen steht für drei Finger“ hat mein Orgellehrer gesagt. So aber hatte ich „Glück“ bzw. hat mich Gott vor diesem Unglück bewahrt. Eine winzige Narbe erinnert mich an diese Krise bzw. diesen Samstag in meiner Kindheit.

Wenn Corona will, steht (wieder) vieles still, Update 221vom 22.10.2020

Tägliche Gedanken in einer schwierigen Zeit, heute von Pfr. Dr. Siegfried Schwemmer

Wie und wann sprechen wir von Gott?

Ich möchte von Gott nicht an den Grenzen, sondern in der Mitte,
nicht in den Schwachen, sondern in der Kraft,
nicht also bei Tod und Schuld,
sondern im Leben und im Guten des Menschen sprechen.
An den Grenzen scheint es mir besser zu schweigen
und das Unlösbare ungelöst zu lassen …
Die Kirche steht nicht dort,
wo das menschliche Vermögen versagt, an den Grenzen,
sondern mitten im Dorf
(Bonhoeffer, WuE, 30.04.44, 307f.)

Wann sprechen wir von Gott? Gott ist Thema, wenn wir nicht mehr weiterwissen, wenn wir an unsere Grenzen kommen, wenn unsere Kräfte versagen, wenn wir zu faul sind zu denken, wenn uns die Angst dazu treibt.

Der deus ex machina, der Gott, der auf die Bühne geholt wird, soll die Lösung eines Konflikts hervorzaubern. Er wird gebraucht, um Defizite zu füllen. Er ist Lückenbüßer für unser Fehlen. Er ist Scheinlösung, eine scheinbare Lösung, wenn wir selbst keine haben.

Diese Form, von Gott zu reden. ist Missbrauch. Wir gebrauchen Gott für unsere Interessen. Wir instrumentalisieren ihn für unsere Bedürfnisse. Er soll unsere Defizite kompensieren.

Bonhoeffer wehrt sich gegen dieses Gottesbild. Gott ist der Gott des Lebens. Er ist die Mitte des Lebens. Er ist das Gute und nicht der Mangel. Er steht für die Fülle des Lebens und nicht für die Defizite von Leben. Er ist Ausdruck des Positiven und nicht der Negation.

Martin Luther schreibt zum ersten Gebot (Großer Katechismus):

Man soll Gott allein trauen und nur Gutes von ihm erhoffen und erwarten … Er gibt uns Leib, Leben, Essen Trinken, Nahrung, Gesundheit, Schutz, Friede und alles, was not ist, an zeitlichen und ewigen Gütern. Er bewahrt vor Unglück, und wenn uns etwas zustößt, rettet er und hilft heraus.

Luther fährt fort: Daher auch, so denke ich, nennen wir Deutschen Gott eben mit dem Namen von alters her … nach dem Wörtlein »gut«. Er ist eine ewige Quelle, aus der nichts als Güte hervorquillt und von dem alles, was gut ist und heißt, herausfließt.

Gott ist gut. Leider vergessen wir ihn schnell, wenn es uns gut geht. Wir vergessen, wem wir das Gute zu verdanken haben.

Confitemini Domino, quoniam bonus.
Confitemini Domino, alleluja.
(Chants de Taizé, 18)

Preist den HERRN, denn er ist gut, ewig währt seine Gnade.
(Psalm 136,1 Übersetzung: Zürcher Bibel 2007)

Ich mag diesen Hymnus aus Taizé. Gerne erinnere ich an die Güte Gottes, wenn zwei Menschen Ja zueinander sagen und den Bund der Ehe schließen, wenn Gott neues Leben schenkt und Kinder getauft werden, auch wenn wir einen lieben Menschen beerdigen. Bei aller Trauer gibt es Grund, Gott für das Leben des Menschen zu danken.

Gott wirkt mitten im Leben das Leben. Er wirkt durch die Liebe von Menschen. Er schenkt Menschen, die uns nahe sind. Er macht mit seiner Liebe und Güte das Leben reich, glücklich, erfüllt und schön.

Menschen, ich zitiere noch einmal Luther, sind als Kreaturen, als Geschöpfe Gottes, nur die Hand, der Kanal und das Mittel, wodurch Gott alles gibt, wie er der Mutter Brüste und Milch gibt, dem Kind zu reichen, Korn und allerlei Gewächs aus der Erde zur Nahrung. Keine Kreatur kann eines dieser Güter selbst machen (ebd.).

Bonhoeffer macht deutlich: Die Kirche steht … mitten im Dorf. Es ist ein Bild des Lebens. Der Kirchplatz ist gleichzeitig der Dorfplatz.

In Bayern steht neben der Kirche in der Regel das Wirtshaus. In Kloster Andechs, auf dem Heiligen Berg bayerischer Lebenskultur, habe ich erlebt, dass die Männer nach dem Gottesdienst im Bräustüberl ihre verzierten Bierkrüge aus dem Schließfach holen, miteinander Bier trinken und das Erlebte teilen. Die Frauen bereiten zuhause den Sonntagsbraten. Wenn alles fertig und der Tisch gedeckt ist, versammelt sich die Familie und dankt Gott für alle guten Gaben.

Das ist Lebensqualität unter dem weißblauen Himmel. Und Gott ist selbstverständlich in der Mitte!

Aus: Siegfried J. Schwemmer, Mut zur Veränderung. Christsein in der Gegenwart, KDP (Kindle) 2020, ISBN 979-8630915382, E-Book 8,90 €, Taschenbuch 9,75 €

Wenn Corona will, steht (wieder) vieles still, Update 220 vom 21.10.2020

Tägliche Gedanken in einer schwierigen Zeit von Pfr. Gerhard Metzger

Treber – äh Treser – äh Trester oder doch Schoten?

Gestern habe ich schon von unserer diesjährigen Apfelsaftaktion berichtet. Das Sammeln war diesmal wirklich keine Krise. Weil so viele Äpfel auf den Bäumen waren, wurden sehr schnell die Säcke voll. Das Problem war dann: Diese viele Äpfel mussten versaftet werden in einer mobilen Presse. Sebastian war unser Chef und leitete sehr gut an. Um 7.30 Uhr stand er auf der Matte und die Vorbereitungen wurden getroffen. Ab 8.00 Uhr begann das Saften. Es endete erst gegen 17.00 Uhr – ohne Pause!!! Danach kam noch das Abwaschen und Saubermachen. Es war ein langer und arbeitsreicher Tag für alle freiwilligen Helfer/-innen. Ein großes Dankeschön dafür. Ein kleines Problem ergab sich. Wohin mit dem „Treser“? „Aber Gerhard, das heißt doch „Trester“ wurde mir zugerufen. Es ist der Abfall, der nach dem Pressen zurückbleibt.

Herbert Wendler holt sich einen Eimer „Apfeltrester“ für seine Hühner

Im Nachdenken darüber fiel mir ein, dass wir zu Hause „Treber“ gesagt haben. O.K. Es gibt doch immer mal gewisse Sprachunterschiede zwischen mir als Westmittelfranken und den einheimischen Ostmittelfranken.

Egal! Ich denke bei solchen Gelegenheiten immer an das vielleicht schönste Gleichnis, das Jesus erzählt hat. Die Geschichte vom „Verlorenen Sohn“ oder wie sie jetzt oft bezeichnet wird. Die Geschichte vom „Barmherzigen Vater“. Jedenfalls erzählt Jesus, wie der jüngere Sohn in die Fremde gegangen ist. Dort hat er sein Erbe verprasst und landete schließlich bei einem Bauern, um auf dem Acker die Säue zu hüten. Schon das war ein Affront. Denn für einen Juden sind Schweine unreine Tiere. Er darf nicht mit ihnen zusammen sein, sie nicht hüten und erst recht kein Schweinfleisch essen. Aber genau dorthin wird der jüngere Sohn gestellt: Auf den Acker mit Schweinen zusammen. Und dann gibt es diesen berühmten Vers, der diese Lage „ganz unten“ richtig verdeutlicht: „Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm“ (Lukas 15, 16).  Das Wort „Schoten“ ist eine Umschreibung dafür, dass die Schweine Allesfresser sind und damit auch der biologische Abfall gut bei ihnen aufgehoben ist.

Bei der Apfelaktion habe ich mehrmals mit der Hand diesen „Treser“, „Treber“ oder „Trester“ angefasst und daran gerochen. Vermutlich war der Geruch besser als damals beim „Verlorenen Sohn“. Immerhin: Dort ganz tief unten hat sich dieser junge Mann damals besonnen und sich an seinen Vater erinnert. Er hat sich aufgemacht und die Liebe des Vaters neu erfahren. Und auch daran habe ich mich beim Pressen des Apfelsaftes erinnert. Und das ist doch immerhin eine gute Verbindung: Vom Pressen des Apfelsaftes sich der Liebe Gottes erinnern lassen mitten in einer Zeit, in der die Infektionszahlen durch Corona leider wieder steigen.

Wenn Corona will, steht (wieder) vieles still, Update 219 vom 20.10.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Die Datteln waren es

Unsere Apfelsaftaktion ist beendet. Weil wir in diesem Jahr 50 Jahre selbständiges Pfarramt Altensittenbach mit Oberkrumbach feiern, wollten wir diese besondere Aktion durchführen. Vor genau drei Jahre feierten evangelische Christen 500 Reformation. Es wurde die Idee umgesetzt, einen Apfelsaft zu pressen mit einem schönen Aufkleber und dieses Getränk zu verkaufen. Wir haben viele seltene Apfelsorten vor allem auf dem sog. Anger stehen. Tatsächlich hatten wir es geschafft   insgesamt 140 Beutel in 5-Liter-Packungen herzustellen und zu verkaufen. Damals gab es wenig Äpfel und gutes Wetter. Diesmal war es genau umgekehrt. Es gab sehr viele Äpfel und sehr schlechtes Wetter.

Die vielen Äpfel auf dem Boden sind sehr gut zu erkennen.

Aber mit vereinter Hilfe haben wir es geschafft, insgesamt 260 Beutel wieder in 5-Liter-Packungen zu lagern und im kommenden Jahr zu verkaufen. Wenn ich die Äpfel anschaue, denke ich fast immer an den berühmten Spruch: „Mit solch einem Apfel hat die Eva den Adam verführt“. Kein Wunder, dass im Laufe der Zeit die Frauen immer ein wenig schlechter hingestellt wurden als das männliche Geschlecht. Ich erinnere mich an Diskussionen, die mit dieser Geschichte ganz vorne aus der Bibel eine angebliche Überlegenheit des Mannes zur Frau begründen wollen. Also liebe Männer (und Frauen). Schaut einmal genau in die Bibel hinein. Dann werdet ihr lesen, dass von einem Apfel nirgends die Rede ist.

Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß“ (1. Mose 3, 6). Ich erinnere mich gen au an den berühmten Professor im Alten Testament in Marburg, Otto Kaiser. Er wurde sehr laut und rief eindringlich in den Hörsaal: „Da ist von Frucht die Rede. Vom Apfel steht nichts da. Mit der Frucht sind die Datteln gemeint“. Diese Geschichte vertieft meine sonstige Beobachtung: Biblische Geschichten werden in die eigene Lebenswirklichkeit übertragen. Die Weihnachtsgeschichte sieht auf vielen Gemälden so aus als wäre sie irgendwo in Bayern in den Bergen geschehen. Jesus wird als Mensch mit weißer Hautfarbe dargestellt. Die Krippenszene erinnert mich oft an eine „Deutsche Weihnacht“ mit Schnee. Im Hintergrund singen die Engel „Stille Nacht“. Es ist wichtig, dass Menschen die biblischen Geschichten in ihre Alltagswirklichkeit übertragen. Dann muss aber im Hinterkopf das Wissen stehen, dass es „real“ ganz anders war. Und dazu gehört eben, dass die Frucht, die Eva dem Adam gegeben hat, kein Apfel war. Außerdem hätte der Adam auch nein sagen können. Aber wer in dieser Szene hier theologisch argumentieren will, der müsste Tausende von Seiten in vielen Hunderten von Büchern lesen. Nicht einmal Theologiestudenten machen das. Es reicht, wenn jeder sich das klar macht: Es war nicht der Apfel, auch wenn er noch so gut schmeckt.

Wenn Corona will, steht (wieder) vieles still, Update 218 vom 19.10.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Die Frage nach der kollektiven Schuld

Die Frage nach der Schuld der Coronakrise tritt wieder stärker in den Mittelpunkt der Überlegungen. Grund dafür sind wohl die steigenden Zahlen der Infektionen und die Angst vor einem neuen Lockdown. Schauen Sie sich doch jetzt einmal die Überschrift an. Sie hat sich geändert und bringt meine neue Empfindung zum Ausdruck. Ein anderer Grund liegt vermutlich darin begründet, dass in wenigen Wochen die Wahl des neuen Präsidenten der USA stattfinden wird. Der jetzige Präsident, Donald Trump spricht nur vom „Chinavirus“. So benennt er die Krankheit auch nach seiner offenbar überstandenen Infektion. Es ist immer wieder interessant für mich, das zu beobachten, wie mit dieser Schuldfrage umgegangen wird. Heute an diesem 19.10.2020 denke ich besonders daran. Denn heute vor genau 75 Jahren haben etliche Bischöfe und andere Christen der evangelischen Kirche die sog. „Stuttgarter Schulderklärung“ unterzeichnet. Darunter auch der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann. Sie wurde viel diskutiert und es gab auch starken Widerspruch. Dieser liegt vor allem darin begründet, dass die Frage nach der sog. „Kollektivschuld“ abgelehnt wird. Ich finde diese dennoch interessant und wichtig, weil hier der Blick auf Gott gerichtet und eine ökumenische Dimension angesprochen wird. Was ich noch  besonders gut finde: Eine Welt des Friedens kann nur mit der Kraft des Hl. Geistes gebaut werden.

Der Text lautet:

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland begrüßt bei seiner Sitzung am 18.19. Oktober 1945 in Stuttgart Vertreter des Ökumenischen Rates der Kirchen. Wir sind für diesen Besuch umso dankbarer, als wir uns mit unserem Volk nicht nur in einer großen Gemeinschaft der Leidenden wissen, sondern auch in einer Solidarität der Schuld.

Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.

Nun soll in unseren Kirchen ein neuer Anfang gemacht werden. Gegründet auf die Heilige Schrift, mit ganzem Ernst ausgerichtet auf den alleinigen Herrn der Kirche, gehen sie daran, sich von glaubensfremden Einflüssen zu reinigen und sich selber zu ordnen. Wir hoffen zu dem Gott der Gnade und Barmherzigkeit, dass er unsere Kirche als sein Werkzeug brauchen und ihnen Vollmacht geben wird, sein Wort zu verkündigen und seinem Willen Gehorsam zu schaffen bei uns selbst und bei unserem ganzen Volk.

Dass wir uns bei diesem neuen Anfang mit den anderen Kirchen der ökumenischen Gemeinschaft herzlich verbunden wissen dürfen, erfüllt uns mit tiefer Freude.

Wir hoffe zu Gott, dass durch den gemeinsamen Dienst der Kirchen dem Geist der Gewalt und der Vergeltung, der heute von neuem mächtig werden will, in aller Welt gesteuert werde und der Geist des Friedens und der Liebe zur Herrschaft komme, in dem allein die gequälte Menschheit Genesung finden kann.

So bitten wir in einer Stunde, in der die ganze Welt einen neuen Anfang braucht: Veni creator Spiritus! (Komm, Schöpfer Geist)“

Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 217 vom 18.10.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Weitergeben, was Jesus tat und lehrte

Die Sponsoren brechen weg“. So lautet der Ruf vieler Vereine im Profi-Sport. Das hat sich in den letzten etwa 60 Jahren so entwickelt, dass die Vereine und die Ligen von bestimmten Sponsoren abhängig sind. Manche Ligen sind nach dem Sponsor benannt. Oft ist es so, dass ein Verein in die Versenkung verschwindet, wenn der Geldgeber wegbricht. Es ist ein System, das also „auf Kante“ genäht ist. In dieser Coronakrise wird das besonders offensichtlich. Der Bund wurde schon finanziell um Hilfe gerufen, damit der Profi-Sport überleben kann. Menschen haben bei dieser Art und Weise der Hilfe durchaus verschiedene Ansichten.

Grundsätzlich hat es aber sog. Sponsoren immer schon gegeben. Früher wurden z.B. Dichter und Künstler von Königen und Kaisern unterstützt. Sie haben „am Hof“ gearbeitet und wurden oft genug schnell fallen gelassen „wie eine heiße Kartoffel“, wenn sie Ansichten verbreitet haben, die dem Auftraggeber nicht genehm waren. Daher kommt dieser sinnige Spruch: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“. Ursprünglich war das auf die Minnesänger bezogen, die von Hof zu Hof wanderten und auf die Unterstützung von Regenten angewiesen waren.

Aber auch in der Bibel gibt es einen Hinweis darauf, dass Menschen mit Geld die Verbreitung des Evangeliums finanziell gefördert haben. Sie wollten, dass der Glaube an Jesus schnell und wahrheitsgemäß anderen Menschen bekannt wird. Dazu gehörte vermutlich auch Theophilus, der ganz am Anfang der Apostelgeschichte von Lukas erwähnt wird. Interessant ist die Motivation. „Den ersten Bericht habe ich gegeben, lieber Theophilus, von all dem, was Jesus von Anfang an tat und lehrte bis zu dem Tag, an der er aufgenommen wurde, nachdem er den Aposteln, die er erwählt hatte, durch den heiligen Geist Weisung gegeben hatteApg 1, 1 – 2).

Lukas berichtet dem Theophilus, nach welchen Grundsätzen er sein Evangelium und die Apostelgeschichte geschrieben hat. Immerhin waren das insgesamt 45 Kapitel des Neuen Testamentes. Damit ist das Werk des Lukas das Größte im Neuen Testament überhaupt. Ihm war wichtig, dass er von Anfang an bis zum Schluss berichtet und dass er nach seinem Sterben als der Lebendige und Auferstandene sich bei seinen Jüngern gezeigt hat. Er legt Wert darauf, die Apostel zu erwähnen. Sie verkörpern die 12 Stämme von Israel und Jesus zeigt sich als der, welcher eine Brücke schlägt von der Erwählung des Volkes Israels bis zu diesem Zeitpunkt. Lukas schreibt so einen großen umfassenden Bericht vom Wirken Jesu und der Entstehung der Kirche, die vor allem durch den Apostel Paulus vorangetrieben worden ist.

So haben wir bis heute einen bleibenden Eindruck, wie Gott den Hl. Geist an Pfingsten über die Jünger ausgegossen und so die Kirche Jesu Christi sich in der ganzen Welt ausgebreitet hat. Heute am 18.10. ist der Gedenktag des Heiligen Lukas und ich finde das sehr interessant, dass so viele Eltern ihren Söhnen wieder diesen Namen geben.