Archiv des Autors: Pfr. Gerhard Metzger

Wenn Corona will, steht (endlich ein bisschen) weniger still, Update 415 vom 04.05.2021

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Luther wird überfallen

Heute ist der 04.05.2021. Heute vor genau 500 Jahren, am 04.05.1521 sitzt Martin Luther mit zwei weiteren Freunden in einer Kutsche auf der Fahrt durch den Thüringer Wald. Die Umstände habe ich gestern schon beschrieben. Sie wollen eine Steigung überwinden. Plötzlich sprengen fünf Reiter aus dem Unterholz und bringen den Wagen zum Stehen. Einer legt die gespannte Armbrust auf den Wagenlenker an und fragt ihn ob sich ein Doktor Martin Luther unter seinen Fahrgästen befindet. Dieser bejaht zitternd, was zwei der Reiter veranlasst, abzuspringen und Luther mit Gewalt aus dem Wagen zu zerren. Der Freund von Luther, Nikolaus von Amsdorf protestiert schreiend und stößt wilde Drohungen aus. Die Reiter scheren sich nicht um ihn, zerren Luther mit Riemen in das Unterholz und setzen ihn dort auf ein Pferd. Der dritte Mitreisende ist auf der anderen Seite aus dem Wagen gesprungen und rennt davon. Dem Wagenlenker entfährt ein Stoßseufzer der Erleichterung, als die finsteren Gesellen unerkannt im Wald verschwinden.

Der Weg der Reiter mit Luther geht Kreuz und quer durch den Thüringer Wald. Es ist schon dämmrig als sie eine Burg erreichen. Ein Mann kommt entgegen und sagt: „Ihr seid Doktor Martin Luther. Ich darf Euch willkommen heißen“. Luther fragt zurück: „Wo bin ich? „Auf der Wartburg bei Eisenach. Ihr befindet euch in ritterlicher Haft. Ich bin der Berghauptmann und man nennt mich Hans von Berlepsch und bin für Eure Sicherheit verantwortlich. Es ist zu Eurem Schutz und Eurer Sicherheit so angeordnet. Und ich hafte dafür, dass niemand eindringt und Ihr keinen Versuch macht, zu fliehen. Jetzt darf ich Euch bitten, mir zu folgen, damit ich Euch in Eure ritterliche Wohnung einweisen kann“.

Hat Luther vom „Überfall“ gewusst? Vermutlich ja. Aber es blieb ein Geheimnis – bis heute! Sein Landesherr Friedrich der Weiße hatte es angeordnet um Luther zu schützen. Von nun an war er der Junker Jörg und es hat Monate gedauert, bis dieses Versteck herauskam. Albrecht Dürer schreibt zu dieser Nachricht in sein Tagebuch: „Und so wir diesen Mann verlieren, der doch klarer geschrieben hat als keiner seit 140 Jahren, dem Du einen solchen evangelischen Geist gegeben, bitten wir Dich, o himmlischer Vater, daß Du deinen heiligen Geist wiederum gibst einem anderen…“. Nur der päpstliche Nuntius Aleander verstand die Diplomatensprache und fiel nicht auf den angeblichen Tod von Luther herein. Am 11.05.1521 schreibt er: „Ich glaube, daß Luther in Wittenberg oder wenigstens mit Wissen des Kurfürsten auf der Burg eines seiner adligen Anhänger bleiben wird“. Der Kurfürst Friedrich der Weiße aber ist „bereit, es zu beschwören“, daß er nicht weiß, wo sich Luther aufhält.

„Durchbohrt mit einem Stoßdegen ist Luther tot in einer Silbermine aufgefunden worden“. So lautet die Kunde. Überall gibt es Aufstände und Plakate gegen die „Papisten“. Und so gelingt der Plan, Luther vor der Reichsacht zu retten. Eine Notlüge hilft dabei.

Wenn Corona will, steht (endlich ein bisschen) weniger still, Update 414 vom 03.05.2021

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Luther auf dem Rückweg vom Reichstag zu Worms

Heute ist der 03.05.2021. Heute vor genau 500 Jahren, am 03.05.1521 kommt Martin Luther auf der Rückfahrt vom Reichstag zu Worms mit seinen Freunden nach Eisenach. Er geht zur Kirche, sucht den Pfarrer auf und eröffnet ihn, dass er zu predigen gedenke. Seine Ankunft hat sich herumgesprochen und die Kirche ist bald zum Brechen voll. Luther besteigt die Kanzel. Er scheint ordentlich vom Leder zu ziehen, denn er macht sich später immer wieder selbst den Vorwurf, er habe es den Papisten auf dem Reichstag zu Worms nicht deutlich genug gegeben. Zitat: „Wenn ich es noch einmal zu tun hätte, sie könnten ihre Köpfe aneinanderrennen!“

Luther und seine Mitfahrer essen mit dem Eisenacher Pfarrer in einer Herberge und setzen danach die Reise fort. Sie sind nur noch zu dritt im Wagen. Sie unterhalten sich lebhaft über die Ehrungen, denen Luther überall auf der Heimfahrt ausgesetzt war. Selbst der Abt der Reichsabtei Hersfeld war ihm mit dem Stadtrat entgegen gezogen. Das empfinden alle als einen unerhörten Triumph. Es ist ein Freitag und sie sind in ausgezeichneter Stimmung. Am kommenden Tag wollen sie nach Möhra fahren und die Verwandten von Luther besuchen. Über Schloss Altenstein planen sie eine Weiterfahrt durch den Thüringer Wald. Und dann ändert sich der Reiseplan auf eine Art und Weise, die bis heute noch nicht ganz geklärt ist. Aber davon dann morgen mehr.

Wenn Corona will, steht (endlich ein bisschen) weniger still, Update 413 vom 02.05.2021

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Der Rote Socken-Blues

Das war schon etwas Besonderes für mich und wohl auch für die Gemeinde. Um das Jahr 2010 hatten wir für drei Jahre einen Kinderchor. Zusammen mit unserem Jugendreferenten, Viktor Ambrusits, haben wir verschiedene Lieder eingeübt. Im Jahr 2009 war ein Wettbewerb für Kinderlieder ausgeschrieben. Viktor hat sein Lied mit unserem Kinderchor eingereicht und wir kamen in die Endauswahl und sind auch auf einer CD „verewigt“. Viktor hat jetzt dazu einen Clip gedreht. Ganz ehrlich: Ich finde ihn sehr gut. Und ein bisschen Wehmut habe ich auch. Aber alles hat eben seine Zeit. Einfach auf den link klicken, mal reinhören und auch mal Lachen und Schmunzeln. Heute gibt es dieses update, weil wir vermutlich heute unseren jährlichen Tauferinnerungsgottesdienst gehabt hätten. Aber vielleicht findet er dann 2022 statt.

Wenn Corona will, steht (endlich ein bisschen) weniger still, Update 412 vom 01.05.2021

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Bakterien kommunizieren miteinander

Vielleicht hat der eine oder andere von den Leser/-innen mein Update Nr. 90 vom 13.06.2020 gelesen. Ich habe ein paar Zeilen über Martin Buber geschrieben. Anlass war sein Todestag am 13.06.1965. Martin Buber hat die Schrift „Ich und Du“ geschrieben. Er beschreibt darin, dass der Mensch seine Identität vor allem in der Beziehung zum menschlichen Gegenüber bildet.

Heute ist dieser Gedanke, dass der Mensch auf Beziehung und Kommunikation angelegt ist, die wichtigste Erkenntnis. Von Anfang an in dieser Coronakrise wurde das zum Problem vor allem bei Alleinstehenden und bei Menschen in den Alten- und Pflegeheimen. Erstaunt war ich, als diese Erkenntnis auf einer ganz anderen Weise mir in die Hände fiel. In der HZ (Regionalausgabe der Nürnberger Nachrichten) vom 28.01.2021 lese ich eine Überschrift auf der S. 23, die mich zum Nachdenken brachte. „Bakterien sprechen sich ab“. Zwei amerikanische Mikrobiologen haben den wichtigen mit 120 000 dotierten Paul Ehrlich-Preis erhalten. Sie haben herausgefunden, dass Bakterien miteinander kommunizieren. Genau diese Tatsache ist die „Achillesferse“ für diese Lebewesen. Denn damit haben Menschen einen Ansatz, die Bakterien ohne Antibiotika zu töten. Dazu müssen nur Substanzen entwickelt werden, die dieses Miteinander reden der Bakterien unterbrechen. Die Mikroorganismen wollen mit Signalen wissen, ob sie allein oder mit vielen Artgenossen vor Ort sind. Dazu haben sie Sprachmoleküle entwickelt. Ein interessantes Ergebnis ist auch, dass die Bakterien offenbar „mehrere Sprachen“ sprechen können. Die Bakterien machen es vor, was auch für Menschen gilt: Am miteinander reden, an der Kommunikation entscheidet sich die Beziehung untereinander. Ist diese nachhaltig gestört, bricht die feste Bindung auseinander.

Und das hat wohl schon jeder in seinem Leben irgendwann und irgendwo festgestellt. Und ehrlich gesagt: Manchmal habe ich auch ein wenig Schwierigkeiten, die vielen wissenschaftlichen Meinungen in und zu dieser Coronapandemie zu verstehen. Und daran scheitert bei vielen Menschen vermutlich auch die Akzeptanz bei den vielen Maßnahmen seit gut einem Jahr.

Wenn Corona will, steht (endlich ein bisschen) weniger still, Update 411 vom 30.04.2021

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Optimismus – Pessimismus – Realismus

Die Lebenseinstellungen „Optimismus – Pessimismus – Realismus“ spielen zur Zeit eine sehr große Rolle. Prognosen über den Verlauf der Coronapandemie wurden von Anfang an gestellt. Wie oft habe ich bei Absage von Veranstaltungen gehört: „Dann halt im nächsten Jahr“. Aber so einfach war und ist es nicht. Auch für 2021 wurden schon viele „Events“ verschoben oder abgesagt. Selbst große und offenbar finanziell wichtige Turniere wie z.B. die Olympischen Spiele in Tokio oder die Fußball-EM stehen auf der Kippe. Jetzt berichten die Nachrichten, dass in Tokio jeder Teilnehmer täglich getestet werden soll. Und seit gestern gibt es vorsichtigen Optimismus dafür, dass die Lage sich in etwa drei Wochen ändern soll. Die Inzidenzzahlen steigen nicht mehr, sondern bilden eher so ein Art „Hochplateu“ mit leichter Tendenz, dass sie abnehmen.

Das alles erinnert mich an eine Erzählung meines Vaters aus seiner Kindheit. Er erinnert sich auch mit seinen 88 Jahren noch an seinen Konfirmator, Pfr. Deininger. Er hatte schon die Gabe, geistliche Zusammenhänge mit eindrucksvollen Beispielen zu erklären. Damals vor und während des Krieges war dieser Predigtstil nicht angesehen. Heute wäre das anders. Einmal hat er den Zuhörern erklärt, was unter den oben genannten Begriffen zu verstehen ist. Er meinte: „Optimismus ist, wenn einer sagt, der Emmentaler Käse besteht nur aus Käse. Pessimismus ist, wenn einer sagt, der Emmentaler Käse bestehe nur aus Löchern. Realismus ist, wenn einer sagt, der Emmentaler Käse besteht aus Käse und Löcher“.

Man kann ganz unterschiedlicher Meinung über dieses Predigtbeispiel sein. Ich finde es gut. Es ist sehr anschaulich. Und ganz ehrlich: Ich würde mir wünschen, wenn Politiker und Wissenschaftler gerade beim Coronavirus öfters mal anschaulicher sprechen würden. Dann würde ich mehr verstehen  und so manche Verordnung besser verstehen können.

Wenn Corona will, steht (endlich ein bisschen) weniger still, Update 410 vom 29.04.2021

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Wo ist Schweigen angebracht?

Im Christentum sagt der liebe Gott gleichsam zu den Menschen: Spielt nicht Tragödie, das heißt Himmel und Hölle auf Erden. Himmel und Hölle habe ich mir vorbehalten“. Dieses Zitat könnte von einem großen Glaubenslehrer sein. Von „Himmel“ und „Hölle“ ist die Rede und davon, dass dies Gott vorbehalten ist.

Es stammt von dem großen Philosophen Ludwig Wittgenstein, der heute vor genau 70 Jahren, am 29.04.1951 in Cambridge gestorben ist. Ehrlich gesagt: Ich habe diesen Mann vor meinem Theologiestudium auch nicht gekannt. Um seine Philosophie wirklich zu verstehen, muss man ihn ganz genau studieren. Aber im Laufe des Studiums ist mir ein anderes Zitat von ihm tief ins Herz gegangen, an das ich in dieser Coronapandemie oft gedacht habe: „Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen“.

Ich denke an viele Diskussionen, Meinungen, Klarstellungen und Zielvorgaben aus dem Bereich der Politik und der Wissenschaft zum Coronavirus. Oft genug hatte ich das Gefühl: Zuhören und abwarten wäre keine schlechte Tugend. Aber schließlich stehen wir jetzt im Frühjahr 2021 vor der Bundestagswahl und der Wahlkampf hat begonnen. Aber öfters mal „Schweigen“, weil ich dazu nicht reden kann, wäre dennoch eine gute Tugend und wäre ein Zeichen von Größe. Aber vermutlich ist dieser Wunsch der Vater meiner Gedankens. Noch ein weiteres Zitat dieses großen Philosophen: „An einen Gott glauben heißt sehen, dass es mit den Tatsachen der Welt noch nicht abgetan ist. An einen Gott glauben heißt sehen, dass das Leben einen Sinn hat“.

Wenn Corona will, steht (endlich ein bisschen) weniger still, Update 409 vom 28.04.2021

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Sich die Hände geben – eine Geste geht verloren

Vor mir liegt die Hersbrucker Zeitung vom 24.05.2020 . Ich schaue das sog. „Magazin am Wochenende“ an. Vorne sind interessante Berichte geschrieben. Bei dieser Ausgabe geht es wieder einmal um das Leben in der Coronakrise. Die Überschrift bringt mich zum Nachdenken. „Vom Ende eines Rituals“ lese ich. Dann heißt es weiter: „Der Handschlag ist mehr als eine Begrüßungsformel. Er kann Wichtiges besiegeln, Trost spenden, Vertrauen geben. Und man kann aus dieser Berührung auch mit geschlossenen Augen viel herauslesen. Die Hände verraten etwas über uns und den anderen. Doch jetzt dürfen wir sie einander nicht mehr reichen“.  

Soweit die Zeilen. Als Kind hat mich mein Vater am Samstagmorgen oft zum „Ferkelmarkt“ nach Rothenburg mitgenommen. Wenn sich Bauer und Schweinehändler einig waren, dann haben sie sich in die Hände geschlagen. „Abgemacht, so ist es“ hat das bedeutet. Theologisch gesagt haben beide ein „Amen“ gesprochen. Der Handschlag galt wie eine schriftliche Abmachung.  Begrüßung mit Handschlag gehörte für mich einfach dazu. Es ist eine Geste der Aufmerksamkeit und der Zuwendung. Menschen wenden sich einander zu und schauen sich (hoffentlich) dann dabei an.

Vor einigen Jahren gab es im bayr. Landtag einen Abgeordneten, der u. a. auch Staatssekretär und Minister war. Er hieß Georg Schmidt. Und weil er so oft und so kräftig jedem die Hände gereicht hat, gab es für ihn den Spitznamen „Schüttelschorsch“. Ich habe ihn in meiner Dienstzeit in Alerheim im Dekanat Donauwörth selbst kennengelernt.

Ich habe bei allen meinen drei Pfarrstellen darauf geachtet, dass es diese Geste auch bei der Feier des Hl. Abendmahles gibt. Es sind innerhalb der Liturgie zwei Stellen, bei denen das zum Ausdruck gebracht werden kann. Einmal direkt nach dem liturgischen Friedensgruß. Die Leute wenden sich einander zu, geben sich die Hände und sagen: „Friede sei mit dir“. Nach der Austeilung geben sich die Menschen die Hand und ich spreche ein biblisches Wort. Mir ist aufgefallen, dass sich die einzelnen Kommunikanten vor dem Loslassen der Hände noch einen Händedruck weitergeben.

Die andere Seite ist die, dass dadurch offenbar Bakterien und Viren weitergegeben werden können. In manchen Arztpraxen hängt ein Schild mit den Worten: „Wir geben ihnen nicht die Hände, aber ein Lächeln“. In der letzten Woche hat mir ein Gemeindemitglied erzählt, wie er in solch einer Praxis war. Beim Hinausgehen sagte er zu der Helferin: „Mir fehlt noch etwas“. „Was denn, wir haben alle Arbeiten getan. Sie können wieder gehen?“ „Mir fehlt noch das versprochene Lächeln“ war die Antwort des Patienten.

Sich die Hände geben“. Es ist im Leben ein Paradox und in der Bibel auch. Wer kennt nicht das bekannte Zitat: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir“ aus Ps 91, 11. Wenn Jesus geheilt hat, dann hat er oft die Hände auf jemanden gelegt. Beim Segnen ist das der Ritus für den Segnenden. In Zeiten von Corona kann ich nur mit Maske segnen. Ich hätte da gerne lange Hände von mindestens 1,5 m Sicherheitsabstand. Auf der anderen Seite sind Hände auch ein Symbol für die Macht Gottes. Auch strafend kann sich die Hand Gottes der Bibel nach auf die Menschen herabsenken. Und bei Hiob kommt beides zusammen: „Denn er verletzt und verbindet, er zerschlägt, und seine Hand heilt“ (Hiob 5, 18). Und so bin ich gespannt, ob und wann es wieder möglich sein wird, die segnenden, heilenden, tröstenden Hände als Pfarrer wieder zu gebrauchen ohne Angst vor Übertragung einer schlimmen Krankheit.

Wenn Corona will, steht (endlich ein bisschen) weniger still, Update 408 vom 27.04.2021

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen zeit

EWG

Was heißt denn „EWG“? Ich war noch nicht in der Schule, dass ich bei dieser Frage eines Tages zu meinem damaligen „Herrn Google“ gegangen bin, meinem Vater. Er hat es mir ganz ausführlich erklärt, dass diese Abkürzung „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft“ bedeutet. Dann gab es noch ausführliche Informationen über die damaligen sechs Gründerstaaten: Deutschland, Frankreich, Italien und die BENELUX-Länder. Und schon habe ich gelernt, dass Belgien, Niederlande und Luxemburg diesen Wirtschaftsverbund bilden und dass NE für „Netherland“ steht, dem internationalen Namen für unser Nachbarland.

Nur wenige Jahre später haben wir dann einen Fernseher bekommen, am 29.04.1967. Es war die Zeit der großen Familiensendungen am Samstagabend. Eine dieser Sendungen hat mich besonders fasziniert. Es war „Einer wird gewinnen“. Sie wurde ebenfalls mit EWG abgekürzt. Es gab Quizfragen für die Teilnehmer aus verschiedenen europäischen Ländern und zuletzt gab es den/die strahlende/n Sieger oder Siegerin. Im Rückblick wird mir klar, dass dieser Wettbewerb eher ein Art Beiwerk war. Im Mittelpunkt stand der Moderator der Sendung: Hans-Joachim Kulenkampff. Er plauderte vor den Zuschauern, schäkerte vor allem mit den weiblichen Teilnehmerinnen der Show und spielte bei allen Sketchen selbst mit. Er überzog „immer“ (und diesmal stimmt diese Bemerkung) um mindestens 30 Minuten. Er war ein Star und hatte dadurch viele Freiheiten. Von 1964 – 1987 lief diese Quizsendung im TV. In vielen anderen Sendungen und Filmen war Kulenkampff zu sehen. Meist war er der freundliche und etwas ältere Charmeur. Heute vor genau 100 Jahren, am 27.04.1921 ist er in Bremen geboren.

Der Titel der Quizsendung ist für mich wie ein Art Motto im Leben: Einer wird gewinnen. Das gilt bei Bewerbungen für einen bestimmten Arbeitsplatz. Das gilt für Pfarrstellenbesetzungen. Das gilt für Kanzlerkandidaturen und für Wahlsieger. Von diesem Motto leben viele „romantische“ Filme im Stil von „Rosamunde Pilcher“ oder „Inga Lindström“. Denn meistens gibt es viele Liebhaber und Liebhaberinnen, die sich im Verlauf eines Filmes erst finden müssen. Vielleicht ist das oft genug auch so im wirklichen Leben der Fall.

In der Coronapandemie gab es einen Wettlauf um die Entwicklung eines Impfstoffes. Jetzt diskutieren die Menschen, welcher mehr und welcher weniger Nebenwirkungen hat. Der heutige Geburtstag von Hans-Joachim Kulenkampff jedenfalls macht mir wieder einmal deutlich, dass es im richtigen Leben auch um Konkurrenzkämpfe geht und diese ein Zeichen dafür sind, dass „wir hier auf Erden noch nicht im Himmel sind“. Im Hinterkopf habe ich aber immer das Wort von Jesus „Vom Herrschen und Dienen“ aus dem Matthäusevangelium: „So sollt es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht“ (Matthäus 20, 26 – 27).

Wenn Corona will, steht (endlich ein bisschen) weniger still, Update 407 vom 26.04.2021

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Stern, auf den ich schaue

Manche Lieder haben eine unheilvolle Geschichte und können gar nichts dafür. Hitler hat das schöne Lied „Großer Gott, wir loben dich“ missbraucht und bei den Parteitagen in Nürnberg singen und spielen lassen. Viele Christen sind auf diese Inszenierung hereingefallen und haben Hitler verehrt in naiver Unkenntnis der Situation. Auf manchen Altären stand sein Bild. Ich habe Menschen kennengelernt, die sich beim Singen dieses Liedes abgewandt und/oder mit mir eine Diskussion geführt haben, ob dieses „furchtbare Lied unbedingt gesungen werden muss“. Im neuen evangelischen Gesangbuch von 1994 steht es wieder unter der Nr. 331. Ich bin darüber froh, auch wenn ich die Seite der Gegner durchaus respektiere und verstehen kann.

Ähnlich verhält es sich mit dem Lied „Stern, auf den ich schaue“. Zunächst einmal taugt es für eine humorvolle Geschichte. Frage: „Welches Lied ist das Lieblingslied eines Mercedesfahrers? Klar: „Stern, auf den ich schaue“. Nicht ganz so witzig ist es dann, wenn ich über die nachfolgenden Zeilen spreche. „Stern, auf den ich schaue, Fels, auf dem ich steh, Führer, dem ich traue, Stab, an dem ich geh“. In Deutschland hat dieser Begriff des „Führers“ zu Recht einen negativen Klang. Das erinnert zu sehr an die unselige Zeit von vor 90 Jahren. Dabei ist dieses Leid allein auf Gott gemünzt und der Liederdichter bringt zum Ausdruck, dass er sich auf die Führung Gottes in seinem Leben absolut verlassen kann.

Adolf Krummacher hat das Lied 1857 verfasst. Er hat unter dem Titel „Harfenklänge“ eine Sammlung von Gedichten herausgebracht und an erster Stelle steht dieses sehr bekannte Lied, das u.a. auch im Gesangbuch der Mennoniten verzeichnet ist. Vermutlich wäre es nicht so populär, wäre die Melodie nicht von Minna Koch 1897 geschrieben worden. Sie war mit Adolf Krummacher verwandt (seine Tochter hat den Bruder von Minna Koch geheiratet). Angeblich hat sie den Text gehört, ging an sein Klavier und hat spontan die Melodie geschrieben. Als das Lied 1897 an die Öffentlichkeit kam, war die Komponistin schon sieben Jahre erblindet. Ohne die schlimme deutsche Wirkungsgeschichte drückt das Lied für mich eine ganz innige Beziehung zu Gott aus. Die Melodie unterstreicht das in beeindruckende Art und Weise. Ich habe mich sehr gefreut, dass es im neuen Gesangbuch unter der Nr. 407 (deshalb heute diese Zeilen) wieder aufgenommen worden ist.

Stern, auf den ich schaue, Fels, auf dem ich steh. Führer, dem ich traue, Stab, an dem ich geh. Brot, von dem ich leben, Quell an dem ich ruh. Ziel, das ich erstrebe, alles, Herr, bist du.

Ohne dich, wo käme, Kraft und Mut mir her? Ohne dich, wer nähme meine Bürde, wer? Ohne dich, zerstieben würden mir im Nu Glauben, Hoffen, Lieben, alles, Herr, bist du.

Drum so will ich wallen meinen Pfad dahin, bis die Glocken schallen und daheim ich bin. Dann mit neuem Klingen jauchz ich froh dir zu: nichts hab ich zu bringen alles, Herr, bist du!

Das Lied „Stern, auf den ich schaue“ wird von meiner Schwägerin Silvia Dörr auf dem Klavier gespielt.

Wenn Corona will, steht (endlich ein bisschen) weniger still, Update 406 vom 25.04.2021

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Welcher Markus ist denn gemeint?

Es ist der 11.04.2021. Ich sitze an diesem Sonntag nach dem Osterfest relativ entspannt am Computer. An diesem Weißen Sonntag ging es bis 2019 bei mir „hoch her“. An diesem Tag wird unter normalen Umständen die Konfirmation in Altensittenbach gefeiert. In diesem Jahr lasse ich den Tag ruhig angehen und nehme mir viel Zeit, mit meiner Frau im Molsbachtal von Förrenbach nach Molsberg hinauf und hinunter zu gehen.

An diesem Tag interessieren mich aber auch besonders die Nachrichten. Es wird davon berichtet, dass sich Markus Söder und Armin Laschet auf eine Vorgehensweise bei der Nominierung des Kanzlerkandidaten geeinigt haben. Beide treten vor die Kameras und geben Statements ab. Mein Smartphone „läuft heiß“ und am Abend schaue ich die Tagesschau. Am nächsten Morgen fällt mir ein, dass irgendwann im April der Gedenktag des Hl. Markus ist. Ich hatte aber nicht mehr den genauen Tag im Kopf. Also google ich und gebe ein: „Markus“. Es öffnet sich „Markus Söder„. Gut, kann ich durchaus verstehen. Ich gebe ein: „Gedenktag von Markus“. Schon öffnet sich „Gedenktag von Markus Söder“. Ich staune. Ist er schon ein Heiliger und hat einen eigenen kirchlichen Gedenktag? Ich klicke an und sehe den Hinweis auf die Gedenkfeier an die Corona-Tote in Bayern vom 23.03.2021.

Ich mache einen dritten Versuch und gebe ein: „Evangelist Markus“. Jetzt habe ich das erhoffte Ergebnis. Heute am 25. April feiert auch die evangelische Kirche seinen Gedenktag. Er ist vermutlich am 25.04.68 in Alexandrien als Märtyrer gestorben. Die koptische Kirche sieht ihn als den ersten Papst. In Erinnerung sind mir die vielen Diskussionen in der „Alten Kirche“, wie Jesus als Sohn Gottes und als Mensch verstanden werden kann. Das ist wirklich kompliziert und erspare ich mir hier. Bei meinem mündlichen Examen war ich zu diesem Thema ein Fachmann. Es war mein Spezialgebiet. Was mich als Pfarrer viel mehr interessiert ist die Tatsache, dass dieser Evangelist fast die Mission des Paulus verhindert hat. Zu Beginn der sog. „ersten Missionsreise“ war Markus mit Paulus und Barnabas unterwegs. Aber schon ganz am Anfang kam es offenbar in Perge zum Konflikt und Markus trennte sich von ihnen (Apostelgeschichte 13, 13). Dass dieser Streit tiefer ging, entnehme ich aus dem Bericht zu Beginn der sog. zweiten Missionsreise. Paulus will mit Barnabas wieder aufbrechen und zuerst einmal die Gemeinden besuchen, die bei der ersten Missionsreise gegründet worden sind. Barnabas wollte dazu auch wieder Markus mitnehmen. Paulus war nach den Erfahrungen bei der ersten Reise strikt dagegen. Der Konflikt eskalierte und die beiden haben sich getrennt. Paulus wendet sich in Richtung Europa, Barnabas geht nach Zypern und in Richtung Osten. „Und sie kamen scharf aneinander, so dass sie sich trennten. Barnabas nahm Markus mit sich und fuhr nach Zypern. Paulus aber wählte Silas und zog fort, von den Brüdern der Gnade Gottes befohlen“ (Apostelgeschichte 15, 39 – 40). Was ich daran interessant finde: Gott hat nach dem Streit alle drei gesegnet. Sowohl Paulus als auch Barnabas haben viele Menschen zu Jesus geführt. Und Markus gilt bis heute als Gründer der koptischen Kirche (Ägypten) und wird dort sehr verehrt. Nicht immer muss ein Streit oder ein Konflikt in ein Chaos führen. Manchmal reinigt solch eine Krise die Situation und es entsteht Neues. Hoffentlich auch in der Coronapandemie!

Bekannt ist Markus bei den Meisten von uns vermutlich durch die Markuskirche in Venedig. Immerhin war ja auch Papst Johannes XXIII. dort Patriarch bevor er zum Oberhaupt der Römisch-Katholischen Kirche gewählt wurde. Was ich noch spannend finde: Der Evangelist Markus ist auch Schutzpatron der Insel Reichenaus am Bodensee.