Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 199 vom 30.09.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Die Bibel in der eigenen Sprache verstehen können

Ich kann das Lutherdeutsch nur schwer verstehen. Ich benutze lieber eine moderne Übersetzung“. Wie oft höre ich das in Gesprächen mit anderen Christen. Ganz ehrlich: Mir ist lieber, jemand liest überhaupt die Bibel. Er kann sehr gerne eine moderne deutsche Übersetzung benutzen. Natürlich ist jede Bibelübersetzung auch eine Art Interpretation. Das gilt auch für die Lutherbibel. Und beim Neuen Testament schmunzle ich immer ein wenig, wenn mir jemand sagt: „Diese Übersetzung ist ganz wörtlich wie Jesus gesprochen hat“. Ich denke mir dann nur: Seit wann hat Jesus griechisch gesprochen? Die Sprache von Jesus war aramäisch. Es finden sich nur ganz wenige Texte in der Ursprache von Jesus wie z.B.: „Talita kum“ in Markus 5, 41. Das spricht Jesus zum Mädchen eines Synagogenvorstehers, dessen Tochter gestorben war. „Mädchen, steh auf“! Relativ bekannt ist auch das Wort von Jesus am Kreuz: „Eloi, eloi, lama asabtani“. Es steht bei Markus und bei Matthäus in der Passionsgeschichte. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Hier zitiert Jesus den Vers 2 aus Psalm 22. Aber insgesamt ist das Neue Testament in griechischer Sprache verfasst und nicht in der Sprache, die Jesus selbst gesprochen hat.

Für mich ein Impuls, dass es ganz wichtig ist, dass Menschen die Bibel in ihrer Sprache lesen und verstehen können. Das war ja auch ein Uranliegen der Reformation. Deshalb war es im Altertum eine herausragende Leistung, dass der Kirchenvater Hieronymus die Bibel in die lateinische Sprache übersetzt hat. Es war in der Antike die Gelehrtensprache schlechthin. Hieronymus war ein Zeitgenosse von Augustin (siehe meine Updates Nr. 166, 167 und 170). In jungen Jahren ließ er sich taufen und mit 32 Jahren wurde er 379 zum Priester geweiht. Schließlich ließ er sich 386 n. Chr. in Bethlehem nieder und wurde vor allem bekannt für die Vulgata. Es ist die bedeutendste lateinische Bibelübersetzung überhaupt. Bis in die Gegenwart hinein gilt für viele katholische Gelehrte dieses Werk als das grundlegendste biblische Werk überhaupt. Vermutlich hat Hieronymus bei der Übersetzung des Alten Testamentes die sog. Septuaginta als Vorlage verwendet, auch wenn er das selbst immer bestritten hat. Aber die Ähnlichkeiten sind frappierend.

Hieronymus war auf alle Fälle der Vorreiter einer modernen Übersetzerkultur und damit Impulsgeber für alle weiteren Bibelübersetzungen bis heute. Diese Aussage gilt, obwohl die Reformatoren einen eigenen Weg eingeschlagen und die Vulgata nicht mehr als den grundlegenden kanonischen Text verstanden haben. Luther und Melanchthon wollten zu „den Quellen“ zurück und übersetzten das Alte Testament direkt aus der hebräischen und das neue Testament aus der griechischen Sprache in das Deutsche.

1978 war ich zum ersten Mal in Bethlehem. Neben der Geburtskirche steht die Katharinenkirche. An diesem Ort soll der Kirchenvater die Übersetzung getätigt haben. Für mich als Student der Theologie war das auf alle Fälle ein besonderes Erlebnis. Heute vor genau 1600 Jahren, am 30.09.420 n. Chr. ist dieser berühmte Kirchenvater gestorben. Deshalb ist der 30.09. sein Heiligengedenktag.

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