Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 209 vom 10.10.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Der Wolf von Gubbio

Weil der 3.10. (evangelisch) und der 4.10. (katholisch) die Heiligengedenktage für Franz v. Assisi sind, habe ich schon die letzten vier Tage von ihm geschrieben. Ich bin von seinem Leben und von seinem Wirken beeindruckt. Dass er viel mit Tieren zu tun hatte, ist bekannt. Er predigte den Vögeln und einige Geschichten im Umgang mit Tieren sind humorvoll und zeigen sein Wesen.

Eines Tages kam Franz nach Gubbio. Dort waren die Bürger sehr erschreckt. Denn es trieb sich ein grimmig wilder Wolf umher. Franz suchte diesen um ihn zur Umkehr zu bewegen. Er fand ihn und dieser rannte mit offenen Rachen auf Franz zu. Plötzlich hielt er inne. Franz machte das Kreuzeszeichen über das Tier, rief es zu sich und sprach: „Komm zu mir, Bruder Wolf! Im Namen Christi befehle ich dir, weder mir noch sonst jemand ein Leid anzutun!“ Der Wolf schloss seinen Rachen, trottete mit gesenkten Kopf heran und legte sich wie ein Lamm zu den Füßen von Franz. Dieser predigte ihn an: „Viel Schaden richtest du an in dieser Gegend, Bruder Wolf! Gar schlimme Taten hast du verübt und Gottes Geschöpfe erbarmungslos umgebracht. Du wagst es sogar, Menschen zu töten, die doch nach Gottes Bild geschaffen sind. Sicherlich hast du verdient, als Räuber und Mörder mit einem schlimmen Tod bestraft zu werden. Ich aber will zwischen dir Bruder Wolf und den Menschen einen Frieden herbeiführen. Du wirst niemandem mehr ein Leid antun. Dafür wird man dir alle Missetaten erlassen, und weder Menschen noch Hunde sollen dich hinfort verfolgen“. Da wedelte der Wolf mit dem Schwanz und nickte mit seinem Kopf, auf diese Weise sein Einverständnis bekundend. Franz sagte zu ihm: „So will ich dir auch versprechen, dass du künftig keinen Hunger mehr leiden wirst. Deine tägliche Kost wirst du von den Menschen erhalten. Weiß ich doch, dass du alles Schlimme nur vom Hunger getrieben verübt hast. Nun gib mir ein Zeichen, dass du alles richtig begriffen hast und damit einverstanden bist“! Der Wolf hob gehorsam seine rechte Tatze und legte sie in die ausgestreckte Hand Franzens, ging dann artig mit Franz in die Stadt hinein, zum Marktplatz, wo alle Bewohner zusammenlieben. Als Franz den Menschen alles erklärt hatte und sie fragte, ob sie den Wolf ernähren und den Friedensvertrag so gewiss einhalten wollten wie auch der Wolf es versprochen hatte, reifen sie alle ihr Ja.

Zwei Jahre lebte der Wolf dann in der Stadt und ließ sich von Tür zu Tür seine Nahrung geben, ohne jemand eines Leides zu tun. Niemals bellte auch nur ein einziger Hund gegen ihn. Als der Wolf schließlich an Altersschwäche gestorben war, empfanden die Menschen darüber große Trauer. Denn seine friedliche Anwesenheit und sanfte Geduld hatte sie an die Tugend desjenigen gemahnt, der seine Wildheit gezähmt hatte.

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