Wenn Corona will, steht (noch) vieles still, Update 90 vom 13.06.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Heute vor genau 55 Jahren, am 13.06.1965 ist der vielleicht bekannteste jüdische Religionsphilosoph Martin Buber gestorben. Wie viele jüdische Gelehrte seiner Zeit hatte er mit den Wirren der Judenverfolgung durch das Nazi-Regime zu kämpfen. Er konnte sich aber rechtzeitig absetzen und so sein Leben und sein Werk retten. Als sein wichtigstes Werk gilt „Ich und Du“. Darin beschreibt er in philosophischen Worten, wie wichtig in dieser Welt die Beziehung der Menschen untereinander und mit Gott ist. Er spricht davon, dass Grundworte nicht Einzelworte sind, sondern Wortpaare. Das eine Grundwort ist Ich-Du, das andere ist das Wortpaar Ich-Es. Erst die Begegnung mit einem menschlichen Gegenüber, dem „Du“ oder mit der dinglichen Welt, dem „Es“ ermöglicht eine Abgrenzung des „Ich“ von seiner Umwelt.

Das klingt ein wenig hochwissenschaftlich. Ich versuche es in einfachen Worten zu erklären. Ein Mensch ist erst Mensch, wenn er in einer wirklichen und intensiven Beziehung zum anderen lebt. Dann kann es zu einem wirklichen Gespräch kommen. Das ist der Ansatz für eine Beziehung des Menschen mit Gott. Buber beschreibt das wörtlich so: „Die verlängerte Linien der Beziehungen schneiden sich im ewigen Du“. Der Mensch wird dadurch sprachfähig und kann in einem Gespräch mit Gott eintreten. Hoffentlich ist das immer noch nicht zu kompliziert. Aber am Anfang der Coronakrise hatten viele Menschen nur noch über das Telefon oder über das Internet miteinander Kontakt. Viele Menschen sind vereinsamt oder haben sich in eine Scheinwelt zurückgezogen. Ich habe viele Infos erhalten, wie Menschen mit diesen körperlichen Abbruch der Beziehungen leben und „überleben“ können. Das Problem der Beziehungen untereinander ist heutzutage klar erkannt. Martin Bubers Schrift zu dieser Thematik ist aber schon 1923 erschienen, also vor knapp 100 Jahren. Da wurden solche Probleme noch kaum thematisiert. Er war seiner Zeit um mindestens 50 Jahre voraus.

Und dass konkrete Treffen stärker meine Beziehungen vertiefen als über irgendwelche technische Geräte, haben jetzt viele Menschen erkannt, auch wenn die digitale Kommunikation durch die gegenwärtige Krise noch mehr gefördert werden wird. Dem Apostel Paulus war beides immer wichtig. Konkrete Treffen mit den Christen der Gemeinden und Kontakt über Briefe, um seine Gefühle zu benennen und um seine Gedanken weiterzugeben. So hat er die Gemeinden besucht und hat mit ihnen auch mit Briefen Kontakt gehalten. Das wird besonders im Brief an die Philipper deutlich. Immerhin war das die erste Gemeinde, die er in Europa gegründet hat. „Ich bin aber hoch erfreut in dem Herrn; dass ihr wieder eifrig geworden seid, für mich zu sorgen, ihr wart zwar immer darauf bedacht, aber die zeit hat es nicht zugelassen….ihr habt wohl daran getan, dass ihr euch meiner Bedrängnis angenommen habt. Denn ihr Philipper wisst, dass…keine Gemeinde mit mir Gemeinschaft gehabt hat im Geben und Nehmen als ihr allein“ (Philipper 4).

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