Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 133 vom 26.07.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Gastfrei zu sein

Das war diesmal wirklich eine schwere Geburt. Der Predigttext für den heutigen Sonntag. Ich weiß nicht, wie es Ihnen beim Bibellesen geht. Bei schweren Texten knie ich mich richtig rein. Ich überlege hin und her. Ich lese Predigthilfen, schaue auch mal beim Urtext nach. Das allein ist für mich schon eine Herausforderung, weil mir Fremdsprachen nicht liegen. Aber nach dem langen „Wiederkäuen“ von Texten fallen mir dann doch gute Gedanken ein. Bei bekannten Texten stehe ich in der Gefahr, drüber zu lesen und nicht genau hinzuschauen. In mir sind dann die Gedanken: Kenne ich ja. Weiß ich doch. Alles klar. Darüber habe ich Predigten gehört und selbst darüber gepredigt. Das ist gefährlich. Denn dann steht die Predigt in Gefahr, langweilig zu werden.

So auch für diesen Sonntag. „Vergesst nicht gastfrei zu sein, denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt“ (Hebräerbrief 13, 2). Wer will das nicht? Gastfrei zu sein. Na, klar bin ich und auch viele andere. Gerne sollen Leute zu mir kommen und gerne gehe ich zu anderen. Ein gemeinsames Essen, gutes Trinken, viele Gespräche, einander besuchen und das eigene Leben und das des anderen gemeinsam teilen. Mach ich doch? Wirklich?

Beim Blick auf den Urtext werde ich hinterfragt. Wörtlich heißt es: „Vergesst nicht den Fremden als Gast einzuladen“. Au Backe. Das sitzt! Wie oft klingeln Leute an meine  Tür? Da bin ich nicht erfreut und die Situation ist schwierig. Meistens sind es Leute aus Rumänien. Sie zeigen irgendein Papier mit Bildern. Sie wollen Geld. Bekommen sie aber nicht von mir. Ich bin mal heimlich hinter ihnen hergegangen. An der Sparkasse war ein Sammelpunkt. Dort standen sie und warteten. Dann kam ein Bus, hat sie eingeladen und mitgenommen, vermutlich in das nächste Dorf. Mit manchen gehe ich auch zu einer nahegelegen Bäckerei. Dort erhalten sie für nicht wenig Geld etwas zu Essen und können sich auch noch etliches mitnehmen. Beim Verabschieden gibt es keinen Dank, sondern eine lautstarke Forderung nach Geld!! Meine innere Anspannung steigt und ich bin wütend!! Viele solche Erfahrungen habe ich gemacht und meine Freundlichkeit gegenüber Menschen, die deswegen an der Haustür klingeln, ist nicht unbedingt sehr hoch.

Der Schreiber des Hebräerbriefes gibt diesen Impuls im letzten Kapitel, sozusagen als Teil der Worte nach dem Motto: Was ich euch unbedingt noch einmal ans Herz legen will. Er hat seine Situation im Kopf. Und damals vor fast 2000 Jahren sind viele Menschen gewandert. Es gab noch keine Supermärkte um die Ecke und sie waren darauf angewiesen, dass Ihnen immer wieder Menschen mit Brot und Wasser weitergeholfen haben. Und heute? So richtig habe ich keine Lösung für mich! Ich versuche alles, den Bekannten von mir ein „gastfreies Haus der Herberge“ zu geben. Und den Fremden? Ich will auch nicht „reingelegt“ werden. Aber ein Wort von Romana Guardini ist mir dennoch wichtig, weil es tiefer geht als nur ein bisschen soziale Hilfe zu leisten: „Das ist aller Gastfreundschaft tiefster Sinn, dass einer dem anderen Rast gebe auf dem Weg nach dem ewigen Zuhause“.

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