Wenn Corona will, steht (wieder überall) fast alles still, Update 314 vom 23.01.2021

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Ein Tritt in den Hintern??

Das war für mich eine sehr interessante Situation. Ich war 1988 nach Alerheim gekommen. Eines der ersten organisatorischen Dinge war die Erfahrung des sog. „Predigerkreises“. Insgesamt vier Pfarrer trafen sich regelmäßig und besprachen miteinander den Gottesdienstplan. Die Regel war, dass etwa alle zwei Wochen „getauscht“ wurde. So war ich fast alle zwei Wochen an einem anderen Ort als Prediger eingeteilt. Die Gemeindemitglieder haben uns als kollegial wahrgenommen und sich über „Abwechslung“ gefreut. Schon bei der ersten Besprechung wurden auch Lektoren und Prädikanten eingeteilt. „Bei diesem Lektor musst Du Dich um eine Fahrtgelegenheit kümmern. Er fährt kein Auto“ sagten meine Kollegen als ein bestimmter Name genannt wurde. „Aber das ist kein Problem, das wissen die Verantwortlichen und kümmern sich um Abholen und „Zurückfahren“.

Ich telefoniere mit diesem Prediger und er nennt mir in einem Nebensatz: „Ich bin ein Mennonit“. Ich staune. Ich hätte nie gedacht, dass jemand im Ries zu dieser Freikirche gehört, mit der die lutherischen Landeskirchen ein Abkommen getroffen hatten. Also schaue ich in meinen Unterlagen nach und entdecke viele interessante Informationen. Die Mennoniten gehen auf den niederländisch-friesischen Theologen Menno Simons zurück. Mit neun Jahren hat er schon beschlossen, Pfarrer zu werden. Am 26. März 1524 wurde er zum Priester geweiht. Über seine ersten Jahre äußerte er sich später kritisch. Nach eigenen Angaben führte er in den ersten Jahren als Pfarrer en ausschweifendes Leben, das von Glücksspiel und Alkohol geprägt war. Dann kamen bei ihm Zweifel an der katholischen Abendmahlslehre. Er studierte u.a. die Schriften von Martin Luther und deswegen wurde die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Dies gipfelte in den Erlass der Behörden vom 14.10.1529, dass schon der Besitz reformatorischer Schriften mit dem Tode bestraft werden würde.

Wenige Jahre später hinterfragte Menno Simons auch die Kindertaufe und schloss sich der sog „Täuferbewegung“ an. Er lehnte ab diesem Zeitpunkt die Praxis der Kindertaufe ab. Die niederländischen und norddeutschen Täufer wurden bald nach ihm als Mennoniten bezeichnet und später wurde daraus eine evangelische Freikirche. Bei meinem Theologiestudium in Marburg 1980 sagte der Professor der Kirchengeschichte bei einem Seminar: „Menno Simons wollte Luther seine Lehre darstellen um eine gemeinsame Strategie zu finden. Luther hat ihm wegen seiner Ablehnung der Kindertaufe mit dem Fuß einen Tritt in den Hintern gegeben und ihm so vor die Tür gesetzt“. Ich habe diese Geschichte nirgends gelesen. Ich weiß also nicht, ob sie stimmt. Aber eindrücklich ist sie schon. Ich bin froh, dass der Umgang zwischen Landeskirche und Freikirche jetzt ein ganz anderer ist. Heute vor genau 460 Jahren, am 23. Januar 1561 ist Menno Simons in Wüstenfelde bei Bad Oldeslohe gestorben. Deshalb ist der heutige 23.1. sein Gedenktag.

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