Wenn Corona will, steht (wieder) vieles still, Update 227 vom 28.10.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Die bittere Wurzel herausreißen

Vor etwa sieben Jahren ist mir das zum ersten Mal aufgefallen. Ich gehe durch unseren Garten vor dem Haus und entdecke auch im Herbst bestimmte Blüten. Auf dem ersten Blick sahen sie aus wie Löwenzahn. Ich habe ein wenig gestaunt, aber alles nicht so ernst genommen. Mit dem Rasenmäher drüber und weg war alles. Aber in den folgenden Jahren ist mir diese Blume immer mehr aufgefallen. Im letzten Jahr schließlich war sie über die gesamte Fläche verteilt. An einer Stelle wuchs nichts mehr anderes. Offenbar handelte es sich um Unkraut. Ich weiß natürlich, dass der Begriff „Unkraut“ diskussionswürdig ist. Viele sagen: Unkraut gibt es gar nicht. Es gibt nur für mich nützliche und für mich unnützliche Kräuter. Es gibt Leute, die freuen sich an den Löwenzahn, weil man daraus einen schmackhaften Salat machen kann. Andere dagegen versuchen jeden einzelnen Löwenzahnhalm herauszustechen. Das gilt vor allem bei einem Rasen.

Bei dieser für mich neuartigen Blume aber war es so, dass teilweise überhaupt kein Gras mehr wuchs. Ich habe deshalb im letzten Jahr im Herbst einen Stecher hergenommen und jede einzelne Blume herausgezogen. Ich bin zu einem Nachbar gegangen und habe ihn gefragt, ob er dieses Kraut kennt. „Das ist ein Stachellatich“ meinte er. Ein komischer Name wie das Unkraut selbst. Ich habe etwa 20 Eimer zum Biomüllplatz am Friedhof getragen. Hinterher hatte ich ein richtig gutes Gefühl über diese getane Arbeit. Ich habe dann Grassamen ausgesät und war selbst überrascht, wie wenig von diesem „Unkraut“ 2020 gekommen ist. Jetzt weiß ich: Ich muss das jährlich machen und dann ist davon kaum etwas zu sehen.

Vor allem habe ich mich erinnert an eine bestimmte Bibelstelle aus dem Hebräerbrief: „…und seht darauf, dass nicht jemand Gottes Gnade versäume; dass nicht etwa eine bittere Wurzel aufwachse und Unfrieden anrichte und viele durch sie unrein werden“ (Hebr. 12, 15). Wenn ich darauf schaue, welch eine Wurzel dieser Stachellatich hat, dann kann ich gut diese Bibelstelle nachempfinden. Nach außen ziemlich klein, aber im Boden stark verankert. Da ist es nötig, tief in den Boden hineinzukommen um eine Veränderung zu erreichen und das Unkraut herauszubringen. Kein Wunder, dass die Bibel dieses Bild hernimmt, wenn es um Gnade und Friede geht. Das habe ich oft genug erlebt. Unfrieden ist wie solch eine bittere Wurzel. Er geht so tief, dass das Miteinander kaum mehr möglich ist. Beziehungen werden wacklig oder ganz zerstört, wenn die Wurzel allen Übels nicht vollständig herausgerissen wird.

Wenn ich jetzt über die Coronapandemie nachdenke, dann merke ich, dass sie genügend „Unkraut“ in der Gesellschaft gezeigt hat. So schlimm der Lockdown war, plötzlich war der Himmel wieder blau. Die Natur und vor allem auch die Flüsse haben sich teilweise wieder erholt. Die Wirtschaft hat gesehen, wie sie von Arbeitsprozessen in fremden Ländern abhängig ist. Ich bin gespannt, ob und wie solche „bittere Wurzeln“ erkannt und herausgerissen werden. Das gilt auch in den Beziehungen der Menschen untereinander. Die Demonstrationen im August haben gezeigt, dass es offenbar damit nicht sehr weit her ist. Anders kann ich nicht verstehen, dass auf solchen Demos Menschen gefährdet werden, weil sich nicht an die Spielregeln gehalten wird.

Es ist für mich auch kein Wunder, dass in der Bibel mit dem Bild der Wurzel eindrücklich darauf hingewiesen wird, Gott nicht zu verlassen um anderen Göttern zu dienen. „Lasst ja nicht …einen Stamm unter euch sein, dessen Herz sich heute abwendet von dem HERRN, unserm Gott, dass jemand hingehe und diene den Göttern dieser Völker. Lasst unter euch nicht eine Wurzel aufwachsen, die da Gift und Wermut hervorbringt“ (5. Mose 29, 17):

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