Wenn Corona will, steht (wieder) vieles still, Update 224 vom 25.10.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Sechs Balken – zwei Tore

Von meiner Grundschulzeit habe ich schon ein paar Mal geschrieben. In der zweiten Klasse wurde in mir mein Interesse für Fußball geweckt. Unser Grundschullehrer, Dieter Weth, war ein begnadeter Sportler und Pädagoge. Das Fußballfeld des Dorfes lag etwa 500 m von der Schule entfernt. Wenn das Wetter schön war sind wir alle vom Schulgebäude zum Sportplatz gerannt. Ein zusätzliches Aufwärmtraining war so nicht nötig.

Es gab aber ein kleines Problem. Die Fußballtore waren 1966 n einem erbärmlichen Zustand. Ein Tor war ganz zerstört. Für die vielen Kinder im Dorf war das eine echte Lebenskrise, dass die Fußballtore nicht benutzt werden konnten. Genauer müsste ich sagen: Für die Jungs war es eine Lebenskrise. Denn die Mädchen haben fast alle eher Völkerball gespielt. Wir Jungs haben uns teilweise damit beholfen, dass wird Kleidungsstücke als Tore benutzt haben. Aber die Frage, ob ein Schuss für einen Torwart nicht zu hoch war, musste ohne einen Querbalken oft genug nach längerer Diskussion geklärt werden.

Schließlich ergriff Dieter Weth die Initiative. „Fragt doch mal bei euch zu Hause nach. Vielleicht gibt es irgendwo sechs Balken, die wir bekommen um die Tore zu zimmern“. Die Worte des Lehrers fielen bei mir gleich auf fruchtbaren Boden. Ich wusste, dass mein Vater seit 1960 praktisch jedes Jahr irgendetwas gebaut hat. Deshalb wurden etliche Festmeter Holz im Wald umgesägt und viele Balken waren noch gelagert. Tatsächlich. Mein Vater meinte: „Die können wir gerne weggeben“. So wurden sechs Balken von unserem Hof geholt und die Jungs fertigten mit dem Lehrer zwei Tore, die viele Jahre lang standen und ihren Dienst taten. Wenn ich an die jetzige Coronakrise denken, fällt mir dazu ein: Wie schön wäre es, wenn diese gegenwärtige Krise auch so unkompliziert zu lösen wäre.

Wenn Corona will, steht (vieles) wieder still, Update 223 vom 24.10.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Die Sekunde der Bewahrung

Heute ist ein Samstag. In meiner Kindheit so ab ca. acht Jahren war dies oft ein besonderer Tag. Ich wurde zum sog. „Getreide schroten“ eingeteilt. Besonders in den Herbst- und Wintermonaten habe ich damit früh begonnen und nach dem Mittagessen noch bis zum Nachmittag weitergemacht. Es war eine klassische Steinmühle. Einen Sack Schrot zu mahlen dauerte knappe 10 Minuten. Wenn dieser voll war, wurde er auf die Seite gestellt und ein leerer Sack kam schnell unter den Schrotauslauf der Mühle. Drei Schrotsäcke passten auf die Rampe. Dann wurde die Mühle ausgeschaltet und der Schrot kam in die bestimmten Behältnisse.

Irgendwann habe ich mir angewöhnt, während des Schrotens den Sportteil der Zeitung (Fränkische Landeszeitung als Regionalteil der Nürnberger Nachrichten) herzuholen und darin zu lesen. Das hatte für mein Leben drei Folgen: Ich habe so viele Artikel von bekannten Sportjournalisten gelesen. Mein Interesse für Sport aller Art wurde geweckt. Und schließlich entdeckte ich meine Vorliebe für Statistiken. Jede abgedruckte Tabelle wurde gelesen und im Kopf statistisch ausgewertet. Später kam mir das im Leistungskurs Mathematik im Gymnasium zugute. Denn diese statistischen Formeln wurden im Fach Stochastik vertieft.

Aber diese Arbeit an der Schrotmühle hatte auch Gefahren. Die Mahlsteine mussten im Ruhezustand sein, wenn ich mit der Hand den Restschrot herausgeholt habe. Und eines Tages war ich nicht aufmerksam genug. Hatte ich andere Gedanken im Kopf? Ging es mir nicht gut? Jedenfalls bin ich zu früh mit der Hand in den Schrotauslauf gekommen. Gott sei Dank war es die letzte Drehung der Steine! Ich spürte einen tiefen Schmerz am Daumen der linken Hand. Und genau in diesem Moment stoppten die Mahlsteine. Es gab eine tiefe Wunde. Es ging nur um eine einzige Sekunde! Diese Sekunde früher hätte bewirkt, dass mein linker Daumen wohl abgehackt worden wäre. „Ein Daumen steht für drei Finger“ hat mein Orgellehrer gesagt. So aber hatte ich „Glück“ bzw. hat mich Gott vor diesem Unglück bewahrt. Eine winzige Narbe erinnert mich an diese Krise bzw. diesen Samstag in meiner Kindheit.

Wenn Corona will, steht (wieder) vieles still, Update 221vom 22.10.2020

Tägliche Gedanken in einer schwierigen Zeit, heute von Pfr. Dr. Siegfried Schwemmer

Wie und wann sprechen wir von Gott?

Ich möchte von Gott nicht an den Grenzen, sondern in der Mitte,
nicht in den Schwachen, sondern in der Kraft,
nicht also bei Tod und Schuld,
sondern im Leben und im Guten des Menschen sprechen.
An den Grenzen scheint es mir besser zu schweigen
und das Unlösbare ungelöst zu lassen …
Die Kirche steht nicht dort,
wo das menschliche Vermögen versagt, an den Grenzen,
sondern mitten im Dorf
(Bonhoeffer, WuE, 30.04.44, 307f.)

Wann sprechen wir von Gott? Gott ist Thema, wenn wir nicht mehr weiterwissen, wenn wir an unsere Grenzen kommen, wenn unsere Kräfte versagen, wenn wir zu faul sind zu denken, wenn uns die Angst dazu treibt.

Der deus ex machina, der Gott, der auf die Bühne geholt wird, soll die Lösung eines Konflikts hervorzaubern. Er wird gebraucht, um Defizite zu füllen. Er ist Lückenbüßer für unser Fehlen. Er ist Scheinlösung, eine scheinbare Lösung, wenn wir selbst keine haben.

Diese Form, von Gott zu reden. ist Missbrauch. Wir gebrauchen Gott für unsere Interessen. Wir instrumentalisieren ihn für unsere Bedürfnisse. Er soll unsere Defizite kompensieren.

Bonhoeffer wehrt sich gegen dieses Gottesbild. Gott ist der Gott des Lebens. Er ist die Mitte des Lebens. Er ist das Gute und nicht der Mangel. Er steht für die Fülle des Lebens und nicht für die Defizite von Leben. Er ist Ausdruck des Positiven und nicht der Negation.

Martin Luther schreibt zum ersten Gebot (Großer Katechismus):

Man soll Gott allein trauen und nur Gutes von ihm erhoffen und erwarten … Er gibt uns Leib, Leben, Essen Trinken, Nahrung, Gesundheit, Schutz, Friede und alles, was not ist, an zeitlichen und ewigen Gütern. Er bewahrt vor Unglück, und wenn uns etwas zustößt, rettet er und hilft heraus.

Luther fährt fort: Daher auch, so denke ich, nennen wir Deutschen Gott eben mit dem Namen von alters her … nach dem Wörtlein »gut«. Er ist eine ewige Quelle, aus der nichts als Güte hervorquillt und von dem alles, was gut ist und heißt, herausfließt.

Gott ist gut. Leider vergessen wir ihn schnell, wenn es uns gut geht. Wir vergessen, wem wir das Gute zu verdanken haben.

Confitemini Domino, quoniam bonus.
Confitemini Domino, alleluja.
(Chants de Taizé, 18)

Preist den HERRN, denn er ist gut, ewig währt seine Gnade.
(Psalm 136,1 Übersetzung: Zürcher Bibel 2007)

Ich mag diesen Hymnus aus Taizé. Gerne erinnere ich an die Güte Gottes, wenn zwei Menschen Ja zueinander sagen und den Bund der Ehe schließen, wenn Gott neues Leben schenkt und Kinder getauft werden, auch wenn wir einen lieben Menschen beerdigen. Bei aller Trauer gibt es Grund, Gott für das Leben des Menschen zu danken.

Gott wirkt mitten im Leben das Leben. Er wirkt durch die Liebe von Menschen. Er schenkt Menschen, die uns nahe sind. Er macht mit seiner Liebe und Güte das Leben reich, glücklich, erfüllt und schön.

Menschen, ich zitiere noch einmal Luther, sind als Kreaturen, als Geschöpfe Gottes, nur die Hand, der Kanal und das Mittel, wodurch Gott alles gibt, wie er der Mutter Brüste und Milch gibt, dem Kind zu reichen, Korn und allerlei Gewächs aus der Erde zur Nahrung. Keine Kreatur kann eines dieser Güter selbst machen (ebd.).

Bonhoeffer macht deutlich: Die Kirche steht … mitten im Dorf. Es ist ein Bild des Lebens. Der Kirchplatz ist gleichzeitig der Dorfplatz.

In Bayern steht neben der Kirche in der Regel das Wirtshaus. In Kloster Andechs, auf dem Heiligen Berg bayerischer Lebenskultur, habe ich erlebt, dass die Männer nach dem Gottesdienst im Bräustüberl ihre verzierten Bierkrüge aus dem Schließfach holen, miteinander Bier trinken und das Erlebte teilen. Die Frauen bereiten zuhause den Sonntagsbraten. Wenn alles fertig und der Tisch gedeckt ist, versammelt sich die Familie und dankt Gott für alle guten Gaben.

Das ist Lebensqualität unter dem weißblauen Himmel. Und Gott ist selbstverständlich in der Mitte!

Aus: Siegfried J. Schwemmer, Mut zur Veränderung. Christsein in der Gegenwart, KDP (Kindle) 2020, ISBN 979-8630915382, E-Book 8,90 €, Taschenbuch 9,75 €

Wenn Corona will, steht (wieder) vieles still, Update 220 vom 21.10.2020

Tägliche Gedanken in einer schwierigen Zeit von Pfr. Gerhard Metzger

Treber – äh Treser – äh Trester oder doch Schoten?

Gestern habe ich schon von unserer diesjährigen Apfelsaftaktion berichtet. Das Sammeln war diesmal wirklich keine Krise. Weil so viele Äpfel auf den Bäumen waren, wurden sehr schnell die Säcke voll. Das Problem war dann: Diese viele Äpfel mussten versaftet werden in einer mobilen Presse. Sebastian war unser Chef und leitete sehr gut an. Um 7.30 Uhr stand er auf der Matte und die Vorbereitungen wurden getroffen. Ab 8.00 Uhr begann das Saften. Es endete erst gegen 17.00 Uhr – ohne Pause!!! Danach kam noch das Abwaschen und Saubermachen. Es war ein langer und arbeitsreicher Tag für alle freiwilligen Helfer/-innen. Ein großes Dankeschön dafür. Ein kleines Problem ergab sich. Wohin mit dem „Treser“? „Aber Gerhard, das heißt doch „Trester“ wurde mir zugerufen. Es ist der Abfall, der nach dem Pressen zurückbleibt.

Herbert Wendler holt sich einen Eimer „Apfeltrester“ für seine Hühner

Im Nachdenken darüber fiel mir ein, dass wir zu Hause „Treber“ gesagt haben. O.K. Es gibt doch immer mal gewisse Sprachunterschiede zwischen mir als Westmittelfranken und den einheimischen Ostmittelfranken.

Egal! Ich denke bei solchen Gelegenheiten immer an das vielleicht schönste Gleichnis, das Jesus erzählt hat. Die Geschichte vom „Verlorenen Sohn“ oder wie sie jetzt oft bezeichnet wird. Die Geschichte vom „Barmherzigen Vater“. Jedenfalls erzählt Jesus, wie der jüngere Sohn in die Fremde gegangen ist. Dort hat er sein Erbe verprasst und landete schließlich bei einem Bauern, um auf dem Acker die Säue zu hüten. Schon das war ein Affront. Denn für einen Juden sind Schweine unreine Tiere. Er darf nicht mit ihnen zusammen sein, sie nicht hüten und erst recht kein Schweinfleisch essen. Aber genau dorthin wird der jüngere Sohn gestellt: Auf den Acker mit Schweinen zusammen. Und dann gibt es diesen berühmten Vers, der diese Lage „ganz unten“ richtig verdeutlicht: „Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm“ (Lukas 15, 16).  Das Wort „Schoten“ ist eine Umschreibung dafür, dass die Schweine Allesfresser sind und damit auch der biologische Abfall gut bei ihnen aufgehoben ist.

Bei der Apfelaktion habe ich mehrmals mit der Hand diesen „Treser“, „Treber“ oder „Trester“ angefasst und daran gerochen. Vermutlich war der Geruch besser als damals beim „Verlorenen Sohn“. Immerhin: Dort ganz tief unten hat sich dieser junge Mann damals besonnen und sich an seinen Vater erinnert. Er hat sich aufgemacht und die Liebe des Vaters neu erfahren. Und auch daran habe ich mich beim Pressen des Apfelsaftes erinnert. Und das ist doch immerhin eine gute Verbindung: Vom Pressen des Apfelsaftes sich der Liebe Gottes erinnern lassen mitten in einer Zeit, in der die Infektionszahlen durch Corona leider wieder steigen.

Wenn Corona will, steht (wieder) vieles still, Update 219 vom 20.10.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Die Datteln waren es

Unsere Apfelsaftaktion ist beendet. Weil wir in diesem Jahr 50 Jahre selbständiges Pfarramt Altensittenbach mit Oberkrumbach feiern, wollten wir diese besondere Aktion durchführen. Vor genau drei Jahre feierten evangelische Christen 500 Reformation. Es wurde die Idee umgesetzt, einen Apfelsaft zu pressen mit einem schönen Aufkleber und dieses Getränk zu verkaufen. Wir haben viele seltene Apfelsorten vor allem auf dem sog. Anger stehen. Tatsächlich hatten wir es geschafft   insgesamt 140 Beutel in 5-Liter-Packungen herzustellen und zu verkaufen. Damals gab es wenig Äpfel und gutes Wetter. Diesmal war es genau umgekehrt. Es gab sehr viele Äpfel und sehr schlechtes Wetter.

Die vielen Äpfel auf dem Boden sind sehr gut zu erkennen.

Aber mit vereinter Hilfe haben wir es geschafft, insgesamt 260 Beutel wieder in 5-Liter-Packungen zu lagern und im kommenden Jahr zu verkaufen. Wenn ich die Äpfel anschaue, denke ich fast immer an den berühmten Spruch: „Mit solch einem Apfel hat die Eva den Adam verführt“. Kein Wunder, dass im Laufe der Zeit die Frauen immer ein wenig schlechter hingestellt wurden als das männliche Geschlecht. Ich erinnere mich an Diskussionen, die mit dieser Geschichte ganz vorne aus der Bibel eine angebliche Überlegenheit des Mannes zur Frau begründen wollen. Also liebe Männer (und Frauen). Schaut einmal genau in die Bibel hinein. Dann werdet ihr lesen, dass von einem Apfel nirgends die Rede ist.

Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß“ (1. Mose 3, 6). Ich erinnere mich gen au an den berühmten Professor im Alten Testament in Marburg, Otto Kaiser. Er wurde sehr laut und rief eindringlich in den Hörsaal: „Da ist von Frucht die Rede. Vom Apfel steht nichts da. Mit der Frucht sind die Datteln gemeint“. Diese Geschichte vertieft meine sonstige Beobachtung: Biblische Geschichten werden in die eigene Lebenswirklichkeit übertragen. Die Weihnachtsgeschichte sieht auf vielen Gemälden so aus als wäre sie irgendwo in Bayern in den Bergen geschehen. Jesus wird als Mensch mit weißer Hautfarbe dargestellt. Die Krippenszene erinnert mich oft an eine „Deutsche Weihnacht“ mit Schnee. Im Hintergrund singen die Engel „Stille Nacht“. Es ist wichtig, dass Menschen die biblischen Geschichten in ihre Alltagswirklichkeit übertragen. Dann muss aber im Hinterkopf das Wissen stehen, dass es „real“ ganz anders war. Und dazu gehört eben, dass die Frucht, die Eva dem Adam gegeben hat, kein Apfel war. Außerdem hätte der Adam auch nein sagen können. Aber wer in dieser Szene hier theologisch argumentieren will, der müsste Tausende von Seiten in vielen Hunderten von Büchern lesen. Nicht einmal Theologiestudenten machen das. Es reicht, wenn jeder sich das klar macht: Es war nicht der Apfel, auch wenn er noch so gut schmeckt.

Wenn Corona will, steht (wieder) vieles still, Update 218 vom 19.10.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Die Frage nach der kollektiven Schuld

Die Frage nach der Schuld der Coronakrise tritt wieder stärker in den Mittelpunkt der Überlegungen. Grund dafür sind wohl die steigenden Zahlen der Infektionen und die Angst vor einem neuen Lockdown. Schauen Sie sich doch jetzt einmal die Überschrift an. Sie hat sich geändert und bringt meine neue Empfindung zum Ausdruck. Ein anderer Grund liegt vermutlich darin begründet, dass in wenigen Wochen die Wahl des neuen Präsidenten der USA stattfinden wird. Der jetzige Präsident, Donald Trump spricht nur vom „Chinavirus“. So benennt er die Krankheit auch nach seiner offenbar überstandenen Infektion. Es ist immer wieder interessant für mich, das zu beobachten, wie mit dieser Schuldfrage umgegangen wird. Heute an diesem 19.10.2020 denke ich besonders daran. Denn heute vor genau 75 Jahren haben etliche Bischöfe und andere Christen der evangelischen Kirche die sog. „Stuttgarter Schulderklärung“ unterzeichnet. Darunter auch der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann. Sie wurde viel diskutiert und es gab auch starken Widerspruch. Dieser liegt vor allem darin begründet, dass die Frage nach der sog. „Kollektivschuld“ abgelehnt wird. Ich finde diese dennoch interessant und wichtig, weil hier der Blick auf Gott gerichtet und eine ökumenische Dimension angesprochen wird. Was ich noch  besonders gut finde: Eine Welt des Friedens kann nur mit der Kraft des Hl. Geistes gebaut werden.

Der Text lautet:

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland begrüßt bei seiner Sitzung am 18.19. Oktober 1945 in Stuttgart Vertreter des Ökumenischen Rates der Kirchen. Wir sind für diesen Besuch umso dankbarer, als wir uns mit unserem Volk nicht nur in einer großen Gemeinschaft der Leidenden wissen, sondern auch in einer Solidarität der Schuld.

Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.

Nun soll in unseren Kirchen ein neuer Anfang gemacht werden. Gegründet auf die Heilige Schrift, mit ganzem Ernst ausgerichtet auf den alleinigen Herrn der Kirche, gehen sie daran, sich von glaubensfremden Einflüssen zu reinigen und sich selber zu ordnen. Wir hoffen zu dem Gott der Gnade und Barmherzigkeit, dass er unsere Kirche als sein Werkzeug brauchen und ihnen Vollmacht geben wird, sein Wort zu verkündigen und seinem Willen Gehorsam zu schaffen bei uns selbst und bei unserem ganzen Volk.

Dass wir uns bei diesem neuen Anfang mit den anderen Kirchen der ökumenischen Gemeinschaft herzlich verbunden wissen dürfen, erfüllt uns mit tiefer Freude.

Wir hoffe zu Gott, dass durch den gemeinsamen Dienst der Kirchen dem Geist der Gewalt und der Vergeltung, der heute von neuem mächtig werden will, in aller Welt gesteuert werde und der Geist des Friedens und der Liebe zur Herrschaft komme, in dem allein die gequälte Menschheit Genesung finden kann.

So bitten wir in einer Stunde, in der die ganze Welt einen neuen Anfang braucht: Veni creator Spiritus! (Komm, Schöpfer Geist)“

Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 217 vom 18.10.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Weitergeben, was Jesus tat und lehrte

Die Sponsoren brechen weg“. So lautet der Ruf vieler Vereine im Profi-Sport. Das hat sich in den letzten etwa 60 Jahren so entwickelt, dass die Vereine und die Ligen von bestimmten Sponsoren abhängig sind. Manche Ligen sind nach dem Sponsor benannt. Oft ist es so, dass ein Verein in die Versenkung verschwindet, wenn der Geldgeber wegbricht. Es ist ein System, das also „auf Kante“ genäht ist. In dieser Coronakrise wird das besonders offensichtlich. Der Bund wurde schon finanziell um Hilfe gerufen, damit der Profi-Sport überleben kann. Menschen haben bei dieser Art und Weise der Hilfe durchaus verschiedene Ansichten.

Grundsätzlich hat es aber sog. Sponsoren immer schon gegeben. Früher wurden z.B. Dichter und Künstler von Königen und Kaisern unterstützt. Sie haben „am Hof“ gearbeitet und wurden oft genug schnell fallen gelassen „wie eine heiße Kartoffel“, wenn sie Ansichten verbreitet haben, die dem Auftraggeber nicht genehm waren. Daher kommt dieser sinnige Spruch: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“. Ursprünglich war das auf die Minnesänger bezogen, die von Hof zu Hof wanderten und auf die Unterstützung von Regenten angewiesen waren.

Aber auch in der Bibel gibt es einen Hinweis darauf, dass Menschen mit Geld die Verbreitung des Evangeliums finanziell gefördert haben. Sie wollten, dass der Glaube an Jesus schnell und wahrheitsgemäß anderen Menschen bekannt wird. Dazu gehörte vermutlich auch Theophilus, der ganz am Anfang der Apostelgeschichte von Lukas erwähnt wird. Interessant ist die Motivation. „Den ersten Bericht habe ich gegeben, lieber Theophilus, von all dem, was Jesus von Anfang an tat und lehrte bis zu dem Tag, an der er aufgenommen wurde, nachdem er den Aposteln, die er erwählt hatte, durch den heiligen Geist Weisung gegeben hatteApg 1, 1 – 2).

Lukas berichtet dem Theophilus, nach welchen Grundsätzen er sein Evangelium und die Apostelgeschichte geschrieben hat. Immerhin waren das insgesamt 45 Kapitel des Neuen Testamentes. Damit ist das Werk des Lukas das Größte im Neuen Testament überhaupt. Ihm war wichtig, dass er von Anfang an bis zum Schluss berichtet und dass er nach seinem Sterben als der Lebendige und Auferstandene sich bei seinen Jüngern gezeigt hat. Er legt Wert darauf, die Apostel zu erwähnen. Sie verkörpern die 12 Stämme von Israel und Jesus zeigt sich als der, welcher eine Brücke schlägt von der Erwählung des Volkes Israels bis zu diesem Zeitpunkt. Lukas schreibt so einen großen umfassenden Bericht vom Wirken Jesu und der Entstehung der Kirche, die vor allem durch den Apostel Paulus vorangetrieben worden ist.

So haben wir bis heute einen bleibenden Eindruck, wie Gott den Hl. Geist an Pfingsten über die Jünger ausgegossen und so die Kirche Jesu Christi sich in der ganzen Welt ausgebreitet hat. Heute am 18.10. ist der Gedenktag des Heiligen Lukas und ich finde das sehr interessant, dass so viele Eltern ihren Söhnen wieder diesen Namen geben.

Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 216 vom 17.10.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Der Gottesträger

Es gibt ganz unterschiedliche Art und Weisen mit Lebenskrisen umzugehen. Vor allem dann, wenn es um Leben und Tod geht. Ein besonders Beispiel dafür ist der Kirchenvater Ignatius von Antiochien. Seine genauen Lebensdaten sind gar nicht bekannt. Soviel weiß man allerdings: Er war dort viele Jahre lang Bischof.

Er war schon sehr alt, als er vom römischen Kaiser Trajan verhaftet und nach Rom gebracht wurde. Dort sollte er im Circus Maximus von Löwen zerrissen werden. Auf dem Weg dorthin hatte er sich fest vorgenommen, andere Christen zu stärken und zu trösten. So traf er sich mit ihnen und versuchte sie zu ermutigen. Das tat er, obwohl er selbst Trost und Stärkung über den bevorstehenden Tod nötig gehabt hätte. Wer solch einen Tod im Glauben stirbt, über den gibt es natürlich viele Legenden. So wird von ihm erzählt, dass er das kleine Kind war, das Jesus in die Mitte gestellt hat, als er sie aufforderte, wie die Kinder zu werden (Markus 10, 13 – 16).

Sein Leben, Wirken und Sterben waren so beeindruckend, dass er den Beinamen „Theophorus“, der Gottesträger, erhielt. Mindestens sieben Briefe hat er geschrieben, die in der Theologiegeschichte eine große Rolle spielen, weil sie die Verhältnisse in der Kirche des zweiten Jahrhunderts sehr gut wiederspiegeln. Und nur weil er selbst kein Jünger von Jesus war in dessen Leben auf der Erde (Apostel), stehen diese Briefe nicht im Kanon der Bibel. Immerhin ist Ignatius für mich ein Zeuge dafür, dass auch mitten in Lebenskrisen der Glaube an Jesus Halt und Kraft geben kann. Und das ist jetzt wieder nötiger denn je. Heute am 17.10. feiern Christen seinen Gedenktag.

Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 215 vom 16.10.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Das Gugelmaicherl

Das ist immer wieder spannend in der Präparandengruppe. Denn irgendwann kommen wir auf die Kirchengemeinden zu sprechen und damit auch auf die Namen der Kirchen. Ich erinnere mich, dass dies in meiner eigenen Konfirmandenzeit Anfang der 70-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts noch anders war. Dass die Kirche von Habelsee dem Michael geweiht ist (siehe mein Update 198 vom 29.09.2020) habe ich von meinem Vater erfahren. Der Ortspfarrer kam nie darauf zu sprechen. Vermutlich wurde das als „katholisch“ abgetan. An meiner ersten Pfarrstelle in Weißenbach/Rhön von 1984 – 1988 hatte ich drei Kirchen. Keine Einzige davon hatte einen Namen. Gegenwärtig ist das anders. Die Kirchennamen sind auch in evangelischen Gemeinden wieder wichtig und es wird darüber gesprochen.

Bei der Nachfrage nach der Thomaskirche in Altensittenbach wissen die Jugendlichen in der Regel Bescheid. „Die Kirche ist wohl nach dem ungläubigen Thomas benannt“. Ja, so ist es. Dieser Jünger steht dafür Pate obwohl ich die Bezeichnung „ungläubig“ nicht mag. Aber das ist ein anderes Thema, auf das ich später einmal (kurz vor dem Weihnachtsfest) eingehen werde. Schwieriger wird es bei der Frage nach dem Namen der Kirche in der Filialgemeinde Oberkrumbach. Immerhin: Der Name „Margaretenkirche“ ist gegenwärtig. Aber auf die Rückfrage, nach welcher Frau diese Kirche ihren Namen hat, passen viele. Aber dann fällt doch dem einen oder anderen die Geschichte ein, nach der die Figur in der Dorfkirche genannt wird: Die „Gugelmaicherl“.

Das ist die liebevolle Bezeichnung für die Kirchenpatronin. Erzählt wird die Überlieferung, dass eine Margarete von Gugel die Tochter eines adeligen Geschlechts war. Sie weilte einst zu Besuch auf der Burg Hohenstein. Auf dem Heimweg kam sie in eine Krise. Denn sie verirrte sich im Wald. Da läutete das „Glöcklein“ der Kapelle Hirsdorf, einem später eingeäscherten Weiler, der am Weg nach Kirchensittenbach auf halbem Weg nahe dem Bach lag zum Abendgebet. Das abendliche Geläut half dem adeligen Fräulein, den Weg in die elterliche Behausung zu finden. Aus Dankbarkeit stiftete sie die Kirche zu Oberkrumbach. Ihre Ruhestätte soll sich an der Südseite des Kirchturms befinden. Der Sage nach hätten „Peganbrüder“ in ihrer Einsiedelei zu Hirsdorf dreimal täglich ihr Stundengebet in Gugeln gehalten. Das waren rote oder blaue Mänteln mit Kapuzen, die nur die Augen frei ließen (mit einem Nasen-Mund-Schutz zu Coronazeiten hätten sie wohl keine Probleme gehabt). In der besagten Kirchenstifterin und ihrer gleichfalls jungfräulichen Schwester hätten sie ihre Wohltäter gefunden.

Eine sehr schöne Geschichte, wie aus einer Lebenskrise etwas Gutes wurde. Leider ist diese Geschichte nur eine Legende. Denn ein Geschlecht von Gugel findet in den Urkunden keine Erwähnung. Und dass eine Margarete von Gugel heilig gesprochen worden ist und so zur Kirchenpatronin wurde, stimmt leider auch nicht. Aber es gab eine Margareta von Antiochia, die an der Wende vom 3. zum 4. Jahrhundert gelebt hat und schon mit 15 Jahren zur Märtyrerin wurde. Die Legende erzählt, wie ihr im Gefängnis ein Drache erschien, um sie zu verschlingen. Daher kommt vermutlich der „Lindwurm“ unter ihrer Figur. Sie machte schnell das Kreuzzeichen und wurde gerettet. Nicht gerettet wurde sie aber vor der Hinrichtung durch das Schwert. Auf dem Weg dorthin betete sie für ihre Verfolger. Sie ist die Heilige für Schwangere und Gebärende und ist deshalb eine der vierzehn Nothelfer, wie das in der berühmten Wallfahrtskirche „Vierzehnheiligen“ zu sehen ist.

Für mich bleibt es immer noch überraschend, dass ausgerechnet die Kirche in diesem kleinen Dorf nach ihr benannt ist. Heute am 16.10. ist ihr Namenstag. Und alle, die so heißen in allen abgewandelten Formen (z.B. Greta, Gretel o.ä.) dürfen sich freuen. Denn die deutsche Übersetzung lautet: „Die Perle“.

Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 214 vom 15.10.2020

Tägliche Gedanken in einer schwierigen Zeit, heute von Dr. Mathias Kropf

Die Kraft der Worte

Im heutigen Update möchte ich eine wahre Begebenheit aus dem Leben des berühmten Erfinders Thomas Alva Edison (1847 – 1931) berichten. Ihm werden viele geniale Erfindungen in der Elektrotechnik (Gleichstrom), Telegrafie und sogar die erste Kohlefaden-Glühlampe (Glühbirne) zugeschrieben. Diese Geschichte aus den frühen Schultagen seines Lebens bewegt mich immer wieder! Ich habe sie aus dem Buch von Debora Sommer „blühe dort, wo du gepflanzt bist“ (ISBN 978-3-96362-019-5) entnommen:

Eines Tages kam Thomas Edison von der Schule nach Hause und gab seiner Mutter einen Brief. Er sagte ihr: „Mein Lehrer hat mir diesen Brief gegeben und sagte mir, ich solle ihn nur meiner Mutter zum Lesen geben.“ Die Mutter hatte die Augen voller Tränen, als sie dem Kind laut vorlas: „Ihr Sohn ist ein Genie. Diese Schule ist zu klein für ihn und hat keine Lehrer, die gut genug sind, ihn zu unterrichten. Bitte unterrichten sie ihn selbst.“

Viele Jahre nach dem Tod der Mutter, Edison war inzwischen einer der größten Erfinder des Jahrhunderts, durchsuchte er eines Tages alte Familiensachen. Plötzlich stieß er in einer Schreibtischschublade auf ein zusammengefaltetes Blatt Papier. Er nahm es und öffnete es. Auf dem Blatt stand geschrieben: „Ihr Sohn ist geistig behindert. Wir wollen ihn nicht mehr in unserer Schule haben.“ 

Edison weinte stundenlang und dann schrieb er in sein Tagebuch:

„Thomas Alva Edison war ein geistig behindertes Kind. Durch eine heldenhafte Mutter wurde er zum größten Genie des Jahrhunderts.“

Es war bekannt, dass Edison bereits seit seiner Kindheit Hörprobleme hatte und sein Leben lang schwerhörig war. Sehr wahrscheinlich, dass der Brief der Schule damit zusammenhing. Die Mutter von Edison erkannte jedoch trotz aller Hörbehinderung ihres Sohnes sein Talent. Sie hatte die Geistesgegenwart, den Inhalt des Briefes sofort in Worte der Ermutigung und des Segens für ihr Kind umzuwandeln. Schon der Apostel Paulus beschreibt in seinem Brief an die Philipper, was für unser Leben als Christen wichtig sein sollte: „Schließlich, meine lieben Brüder und Schwestern, orientiert euch an dem, was wahrhaftig, vorbildlich und gerecht, was redlich und liebenswert ist und einen guten Ruf hat. Beschäftigt euch mit den Dingen, die auch bei euren Mitmenschen als Tugend gelten und Lob verdienen.“ (Phil 4,8)

Es bleibt eine tägliche Herausforderung für uns, gerade in diesen Zeiten unsere Worte überlegt zu wählen! Seien wir uns bewusst, dass Gutes (Segen) aber auch Schlechtes (Fluch) in der Macht unserer Worte liegt (siehe Sprüche 18,21). Ein praktischer Lebensstil, der andere Menschen wertschätzend wahrnimmt und dies auch in Worten zum Ausdruck bringt, kann große Veränderungen bewirken – für diejenigen, die unsere Wertschätzung erhalten, aber auch für uns selbst. Noch einmal möchte ich Paulus zitieren. In seinem Brief an seinen Mitstreiter Timotheus spricht er genau über diese Kraft von Worten, die uns auferbauen: „Halte dich an das Vorbild der heilsamen Worte, die du von mir gehört hast, im Glauben und in der Liebe in Christus Jesus. Dieses kostbare Gut, das dir anvertraut ist, bewahre durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt.“  (2 Tim 1,13-14)